THE ART JOURNAL FOR CONTEMPORARY CULTURE, ART HISTORY, AND THOUGHT
Das Gedächtnis der Pixel
Thomas Ruff bringt die Bilder des 11. September zurück nach New York. In „jpegs ny“ wird ausgerechnet der technische Mangel des digitalen Bildes zum Träger einer Erinnerung, die längst selbst unscharf geworden ist.
AKTUELL
9/14/20263 min read


World Trade Center, New York, 11. September 2001. Die millionenfache Verbreitung und digitale Wiederholung der Bilder der Anschläge bildet den historischen und medialen Hintergrund von Thomas Ruffs Werkgruppe „jpegs ny“. Foto: Kenneth Gross / NIST. Public Domain, via Wikimedia Commons.
DOKUNST Redaktion
Am 11. September 2001 war Thomas Ruff in New York. Er fotografierte die Anschläge auf das World Trade Center und ihre unmittelbaren Folgen, doch als er wenige Tage später nach Deutschland zurückkehrte, stellte er fest, dass seine Kamera keine dieser Aufnahmen gespeichert hatte. Drei Jahre später begann er deshalb nicht, das Verlorene nachzustellen, sondern suchte im Internet nach Bildern, die andere gemacht hatten. Aus diesem fremden, bereits zirkulierenden Material entstanden die Arbeiten von jpegs ny: Ruff komprimierte die Dateien, verringerte ihre Auflösung, veränderte Farben und vergrößerte sie schließlich auf Dimensionen, die eher an die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts als an einen Computermonitor erinnern.
Zwölf dieser Arbeiten sind nun, zum 25. Jahrestag der Anschläge, bei David Zwirner in New York zu sehen.
Aus der Nähe zerfallen die brennenden Türme, Rauchwolken und Ruinen in sichtbare Pixel; erst mit wachsendem Abstand setzt sich das historische Ereignis wieder zum Bild zusammen. Ruff macht damit etwas Verstörendes: Er verbessert die schlechten digitalen Bilder nicht. Er monumentalisiert ihren Mangel.
Gerade darin liegt heute die eigentliche Aktualität dieser Arbeiten. Kaum ein Ereignis des beginnenden 21. Jahrhunderts wurde so intensiv fotografiert, gefilmt, ausgestrahlt und wiederholt wie der 11. September. Einige seiner Bilder haben sich derart tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben, dass wir sie erkennen, bevor wir sie wirklich betrachten. Ruff hat selbst darauf hingewiesen, dass ein Bild durch zu häufiges Sehen an Bedeutung verlieren kann – nicht durch eine Schwäche des Bildes, sondern durch die Art seiner Verbreitung und Wahrnehmung. Seine Pixelierung wirkt deshalb weniger wie ein formaler Effekt als wie eine Störung unserer eingeübten Erinnerung. Wo Nachrichtenfotografie Klarheit verspricht, erzeugt Ruff Distanz; wo das historische Dokument behauptet, etwas festzuhalten, zeigt er, dass Erinnerung gerade durch Verlust, Wiederholung und Unschärfe geprägt wird. Zugleich bleibt ein Unbehagen, das man nicht auflösen sollte: Darf die Ästhetisierung einer Katastrophe so schön werden? Die monumentalen Oberflächen besitzen eine beinahe malerische Qualität, und genau dort gerät das Werk in Gefahr, das Grauen, das es bewahren will, in ein ästhetisches Erlebnis zu verwandeln.
Vielleicht liegt seine Stärke aber gerade darin, diesen Widerspruch nicht zu beseitigen. Ruff liefert keine unvermittelte Wahrheit über den 11. September. Er zeigt vielmehr, dass es diese Unmittelbarkeit nach Millionen reproduzierter Bilder längst nicht mehr geben kann.
Dass diese Arbeiten nun nach New York zurückkehren, gibt ihnen eine Bedeutung, die sie 2004 noch nicht besitzen konnten. Ruff unterscheidet zwischen dem privaten Erinnern und dem gesellschaftlichen Gedenken: Das eine gehört dem Einzelnen, das andere entsteht innerhalb einer Gemeinschaft. jpegs ny befindet sich genau zwischen beiden Zuständen. Am Anfang steht seine persönliche Erfahrung eines Tages, von dem ihm ausgerechnet die eigenen Fotografien fehlen; am Ende stehen Bilder, die niemandem allein gehören, weil ihre Vorlagen aus dem unüberschaubaren digitalen Gedächtnis des Internets stammen. Dass die zwölf Arbeiten in dieser Ausstellung nicht zum Verkauf stehen, verstärkt diese Verschiebung vom Kunstmarkt zum Erinnerungsraum zumindest symbolisch. Und vielleicht liegt darin, 25 Jahre nach den Anschlägen, die präziseste Frage der Ausstellung: Was bleibt von einem historischen Bild, nachdem es alles dokumentiert, alles durchlaufen und jeder schon gesehen hat? Ruff antwortet nicht mit einem schärferen Bild. Er lässt es zerfallen. Denn möglicherweise beginnt Erinnerung genau dort, wo das Bild nicht mehr alles für uns erledigt und wir selbst wieder hinsehen müssen.
THOMAS RUFF
jpegs ny
10. September – 17. Oktober 2026
David Zwirner
533 West 19th Street
New York, NY 10011
USA
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