Generationswechsel in der Spinnerei

Neuer Kurs für die Leipziger Avantgarde

AKTUELL

9/1/20262 min read

Leipziger Spinnerei, Halle 4: Sitz der Galerie Jochen Hempel. Foto DOKUNST.

Das künstlerische Ökosystem der Leipziger Spinnerei – das historische Industriegelände, das sich zu einem der einflussreichsten Zentren für zeitgenössische Kunst in Europa entwickelt hat – erlebt einen bemerkenswerten strategischen Wendepunkt. Grund dafür ist der temporäre Leitungswechsel in der renommierten Galerie Jochen Hempel. Nach mehr als drei Jahrzehnten ununterbrochener Galeristentätigkeit, die im turbulenten Wendejahr 1992 begann, hat sich der erfahrene Gründer Jochen Hempel dazu entschlossen, ein Sabbatjahr einzulegen. Er begibt sich auf eine einjährige Entdeckungsreise um die Welt. Dass er sich ausgerechnet kurz vor dem wegweisenden Herbstrundgang (dem traditionellen Rundgang der Spinnereigalerien) aus der ersten Reihe zurückzieht, mag Brancheninsider überraschen. Es folgt jedoch einer sorgfältig kalkulierten Transition. Diese soll frische Perspektiven in einen Kunstmarkt einbringen, der sich ohnehin in einem tiefgreifenden digitalen und wirtschaftlichen Wandel befindet.

Die Verantwortung für die rund 370 Quadratmeter großen Galerieräume liegt nun in den Händen von Sophie Dölz, einer 27-jährigen Kunsthistorikerin und Kuratorin aus Thüringen. Auch wenn ihre Ernennung konservativeren Kreisen des Sammlermarktes verfrüht erscheinen mag, bringt Dölz wertvolle Praxiserfahrung aus dem lokalen Kunstbetrieb mit. Zuvor war sie als unverzichtbare Assistentin und „Mädchen für alles“ in der ebenfalls auf dem Spinnerei-Gelände ansässigen Galerie Laetitia Gorsy tätig. Ihr Wechsel in das Team von Jochen Hempel vor wenigen Monaten diente als notwendige Akklimatisierungsphase vor der vollständigen Übernahme der Leitung. Mit einem unverstellten Blick, der den transdisziplinären Dialog und kollaborative Galerieprojekte – wie das jüngste Konzeptformat Daisies – in den Fokus rückt, plant die junge Leiterin, ab März 2027 mit einer ersten komplett eigenständig kuratierten Ausstellung ihre eigene Handschrift zu präsentieren.

Dieser Wechsel an der Spitze ist weit mehr als ein bloßer personeller Austausch; er gleicht einem Stresstest und ist zugleich ein klares Plädoyer für die Erneuerung der Spinnerei. In einer komplexen Phase, in der traditionelle Galerien nach neuen Wegen suchen, um mit aktuellen Strömungen Schritt zu halten und eine aufstrebende Generation von Sammlern zu erreichen, ist die Übergabe der Führung an eine Fachkraft unter dreißig Jahren ein starkes Vertrauensvotum in die Zukunft des Leipziger Kunststandorts. Zum Auftakt ihrer Leitung koordiniert Sophie Dölz das anspruchsvolle Herbstprogramm, das unter anderem die dokumentarischen Fotografien von Rebecca Wilton und die miniaturartigen Diorama-Gemälde von Sven Kroner zeigt. Der Erfolg dieses Übergangsjahres wird nicht nur die interne Entwicklung der Galerie Jochen Hempel prägen, sondern auch als wichtiger Indikator dafür dienen, wohin sich das institutionelle Modell der Spinnerei angesichts der Herausforderungen des zeitgenössischen Kunstbetriebs bewegt

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