THE ART JOURNAL FOR CONTEMPORARY CULTURE, ART HISTORY, AND THOUGHT
Man muss länger hinsehen
Sophie Schmidts „Tyrannei der Hoffnung“ in der Tobias-Naehring-Galerie in Leipzig
DIALOG
Rüdiger Steinhardt
9/7/20265 min read


Sophie Schmidt, „Tyrannei der Hoffnung“, 2026. Ein Besucher betrachtet die kreisförmigen Zeichnungen in der Galerie Tobias Naehring, Leipzig. Die Fotografie zeigt einen wesentlichen Bestandteil der Arbeiten: Ihre Wirkung entsteht erst im Verhältnis zwischen Bild und Betrachter, der seine Aufmerksamkeit verlangsamen und sich auf die komplexen Bildräume einlassen muss. Foto: DOKUNST.
Es gibt Ausstellungen, durch die man geht und nach wenigen Minuten das Gefühl hat, alles gesehen zu haben. Und dann gibt es Ausstellungen, bei denen man irgendwann merkt, dass man eigentlich noch gar nicht richtig angefangen hat zu schauen. Bei Sophie Schmidt ist mir genau das passiert. Ich war beim Herbstrundgang in der Leipziger Spinnerei und bin in die Räume der Galerie Tobias Naehring gegangen, um ihre neue Ausstellung Man muss länger hinsehen zu sehen. Ich kannte ihre Arbeiten bereits von einer früheren Ausstellung in Bayern, die mir damals sehr im Gedächtnis geblieben war. Vielleicht war ich deshalb besonders gespannt darauf, was aus dieser Arbeit geworden ist. Aber vor allem wollte ich sehen, ob sich mein damaliger Eindruck verändert hatte.
Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass diese Bilder eine gewisse Langsamkeit verlangen. Nicht unbedingt, weil sie schwer zu verstehen wären, sondern weil in ihnen sehr viel passiert. Die kreisförmigen Arbeiten, die in der Galerie an der Wand hängen, wirken zunächst fast geschlossen. Man erkennt Figuren, Körper, Räume, Pflanzen, Bewegungen, manchmal etwas, das sich nur schwer benennen lässt. Je länger man hinsieht, desto weniger sicher wird man allerdings, wo eine Form beginnt und die nächste endet. Linien wachsen ineinander, verdichten sich, verschwinden wieder. Es ist ein bisschen so, als würde man in eine Zeichnung hineingehen können. Und genau an diesem Punkt wird der Betrachter für mich zu einem wichtigen Teil dieser Arbeiten.
Das von DOKUNST während des Besuchs aufgenommene Foto zeigt einen Besucher, der unmittelbar vor diesen runden Arbeiten steht. Gerade in diesem Moment wird jene beinahe sensorische Kommunikation zwischen Betrachter und Bild sichtbar, die den Arbeiten ihre besondere dialogische Qualität verleiht. Man sieht dort sehr schön, was diese Bilder verlangen: Abstand, Konzentration und eine gewisse Bereitschaft, nicht nach dem ersten Blick weiterzugehen. Die Werke funktionieren nicht wie Bilder, die ihre Wirkung aus einiger Entfernung vollständig entfalten. Sie beginnen vielmehr dort interessant zu werden, wo der Blick sich festsetzt. Ich ertappe mich bei solchen Arbeiten oft dabei, dass ich zuerst etwas zu erkennen glaube und wenige Sekunden später wieder feststellen muss, dass ich mich geirrt habe.
Vielleicht hängt das auch mit Schmidts besonderer Beziehung zur Zeichnung zusammen. Wer ihre Arbeiten betrachtet, erkennt sehr schnell, dass hier jemand nicht nur eine Idee auf Papier bringt, sondern eine bemerkenswerte Sicherheit im Umgang mit Linie besitzt. Die Linien können zart sein, beinahe tastend, und im nächsten Moment so dicht werden, dass sie eine ganze Form körperlich erscheinen lassen. In der Beschreibung ihrer Arbeit wird genau diese Spannung zwischen sinnlicher Linie, anthropomorphen und tierischen Formen, Verdichtung und Intimität immer wieder hervorgehoben.
Was mich diesmal allerdings besonders beschäftigt hat, ist die Frage nach der Farbe. Bei den Zeichnungen scheint die Linie selbst das Denken des Bildes zu übernehmen. Sie beschreibt nicht nur, sie erzeugt Räume, Körper und Beziehungen. In der Malerei kommt etwas anderes hinzu. Das wurde für mich besonders deutlich bei Paris Monceau von 2026, einem quadratischen Bild von 200 × 200 cm. Hier scheint die Farbe nicht einfach das zu tun, was man von ihr erwarten würde, nämlich eine bereits vorhandene Zeichnung auszufüllen oder eine Stimmung zu erzeugen. Sie verändert vielmehr die Art, wie wir überhaupt durch das Bild gehen.
Bei Schmidt scheint mir die Farbe weniger eindeutig als die Linie zu sein. Sie führt den Blick nicht immer, sondern hält ihn manchmal auf. Sie macht manche Bereiche schwerer, andere offener, und sie schafft eine Distanz zu jener fast körperlichen Präzision, die ihre Zeichnungen besitzen. Gerade dieser Unterschied interessiert mich. Ich habe den Eindruck, dass Schmidt zwischen zwei Arten des Sehens arbeitet: auf der einen Seite die Linie, die etwas untersucht, umkreist und festhält; auf der anderen Seite die Farbe, die etwas offenlässt und damit wieder in Bewegung bringt.
Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb ihre Arbeiten trotz ihrer offensichtlichen zeichnerischen Kontrolle nicht kühl wirken. Im Gegenteil. Je länger man hinsieht, desto körperlicher werden sie. Körper tauchen auf, verschieben sich, verwandeln sich in Landschaften oder Gegenstände und scheinen manchmal kurz davor zu stehen, aus dem Bild herauszutreten. Bei Schmidt ist der Körper ohnehin kein nebensächliches Thema. Ihre künstlerische Arbeit hat sich über Jahre hinweg zwischen Zeichnung, Malerei, Skulptur, Performance und Text bewegt; selbst ihre Performances verbinden Sprache, Bewegung, Material und den eigenen Körper.
Das erklärt vielleicht auch, weshalb die Texte in ihrer Arbeit nicht wie nachträgliche Erklärungen wirken. Sie gehören zu einem größeren künstlerischen Denken, in dem Sprache selbst Material werden kann. Schmidt hat 2020 mit Über die Tragik des menschlichen Körpers. Eine Oper in fünf Akten sogar ein umfangreiches Künstlerbuch veröffentlicht, das Texte, Zeichnungen, Bilder, Skulpturen und Dramaturgien miteinander verbindet.
Beim Lesen des Ausstellungstextes in der Galerie musste ich deshalb auch ein wenig an die Gefahr denken, die entsteht, wenn man zeitgenössische Kunst zu schnell über ihre Begriffe erschließt. Schmidts Welt ist voller eigenwilliger Wörter, Anspielungen, Körperbilder und gedanklicher Verbindungen. Begriffe wie „Bauchigung“, „Brustigung“ oder „Seelenmoos“, die in ihrer Arbeit auftauchen, zeigen, wie stark sie Sprache nicht nur als Beschreibung, sondern als schöpferisches Werkzeug benutzt. Aber vor den Bildern hat mich zunächst etwas anderes interessiert: Was machen diese Arbeiten mit meinem Blick, bevor ich überhaupt weiß, was sie bedeuten sollen?
Das ist für mich eine entscheidende Frage. Denn bei einer Künstlerin wie Sophie Schmidt wäre es leicht, sich von der Fülle ihrer Ideen verführen zu lassen. Philosophie, Körper, Literatur, Performance, Natur, Sprache, Mythologie, persönliche Erfahrung – vieles davon lässt sich in ihrem Werk wiederfinden. Ihre Biografie erklärt einiges davon: das Studium der Philosophie und Neueren Deutschen Literatur, anschließend die Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste München, die Meisterschülerzeit bei Stephan Huber, die Van Eyck Academie in Maastricht und später die internationalen Aufenthalte und Projekte.
Aber eine gute Arbeit darf meiner Meinung nach irgendwann damit aufhören, ihre eigene Biografie erklären zu müssen. Sie muss vor dem Betrachter bestehen. Genau dort wird es für mich bei Schmidt interessant.
Denn ich glaube, dass ihre Zeichnungen und Bilder etwas verlangen, was in einer Ausstellungssituation immer seltener geworden ist: Zeit. Nicht viel Zeit, vielleicht nur ein paar Minuten mehr als üblich. Aber eben diese paar Minuten, in denen aus einem schnellen Blick eine wirkliche Betrachtung werden kann.
Vielleicht ist das auch die eigentliche Bedeutung des Titels Tyrannei der Hoffnung. Ich würde ihn jedenfalls nicht vorschnell als eindeutige Botschaft verstehen. Hoffnung kann befreien, aber sie kann ebenso einen Druck erzeugen: die Erwartung, dass etwas anders werden muss, dass etwas besser werden soll, dass irgendwo hinter dem Gegenwärtigen bereits eine bessere Möglichkeit wartet. Schmidt scheint mich eher in einen Zustand zu versetzen, in dem diese Gewissheiten wieder unsicher werden. Ihre Bilder geben mir keine eindeutige Richtung vor. Sie lassen mich suchen.
Und vielleicht ist genau das ihre Stärke.
Als ich die Galerie wieder verlassen habe, dachte ich jedenfalls nicht zuerst über einzelne Motive nach. Ich dachte darüber nach, wie lange ich eigentlich vor manchen dieser Bilder gestanden hatte. Und ich musste feststellen, dass ich mich bei einigen Werken nach dem ersten Blick noch einmal umgedreht hatte.
Das passiert nicht bei jeder Ausstellung.
Und vielleicht ist das manchmal schon ziemlich viel.


Sophie Schmidt, „Paris, Monceau“, 2026. Tabletten und Verpackung, Aquarell, Acryl, Kohle auf Leinwand, 200 × 200 cm. Die Arbeit zeigt, wie sich Schmidts präzise zeichnerische Sprache im Medium der Farbe verändert: Farbe wird hier nicht zur bloßen Ergänzung der Linie, sondern entwickelt eine eigene körperliche und räumliche Wirkung. Foto: DOKUNST.
Ausstellungsdaten
Sophie Schmidt - Tyrannei der Hoffnung
Galerie Tobias Naehring
Zeitraum: 5. September – 26. September 2026
Adresse: Spinnereistraße 7 D-04179 Leipzig
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