THE ART JOURNAL FOR CONTEMPORARY CULTURE, ART HISTORY, AND THOUGHT
Wann ist man eigentlich Künstler?
Ein Nachmittag im Oktogon
Rüdiger Steinhardt


Rüdiger Steinhardt (Chefredakteur) besucht die Ausstellung im Oktogon.
Am 1. Februar bin ich ins Oktogon gegangen, ohne mir vorher eine besondere Meinung bilden zu wollen. Ich wusste, dass dort die Abschlussausstellung der Meisterschülerinnen und Meisterschüler der Hochschule für Bildende Künste Dresden zu sehen ist, und natürlich wusste ich auch, was das Wort Meisterschüler ungefähr bedeutet. Aber was ein solcher Titel für jemanden bedeutet, der außerhalb der Hochschule vor den Arbeiten steht, ist eine andere Frage. Ich hatte nicht vor, die Qualität der einzelnen Positionen zu beurteilen. Dafür kenne ich die Wege dieser Künstlerinnen und Künstler nicht, ihre früheren Arbeiten nicht, ihre Gespräche mit den Professoren nicht und auch nicht die vielen Monate, die wahrscheinlich hinter jeder einzelnen Arbeit stehen. Ich wollte eigentlich nur sehen, was passiert, wenn man einen solchen Raum als ganz normaler Besucher betritt.
Vielleicht ist das eine etwas ungewöhnliche Art, eine Kunstausstellung zu besuchen. Ich lese nicht immer zuerst die Wandtexte. Manchmal gehe ich an einer Arbeit vorbei, weil sie mich auf den ersten Blick nicht erreicht, und manchmal bleibe ich stehen, ohne genau sagen zu können, warum. Es gibt Arbeiten, die ich erst nach einer Erklärung interessant finde, und andere, bei denen ich zunächst gar nichts erklären kann und trotzdem noch einmal zurückgehe. Ich habe im Oktogon deshalb irgendwann aufgehört, mir die Frage zu stellen, ob ich die Arbeiten „verstehe“. Viel interessanter wurde für mich die Frage, was mich überhaupt dazu bringt, länger hinzusehen.
Das ist vielleicht die eigentliche Schwierigkeit einer Ausstellung von Meisterschülerinnen und Meisterschülern. Man kommt hier nicht zu einer Ansammlung von Arbeiten, die einfach zeigen sollen, was junge Menschen gelernt haben. Die achtzehn Positionen der Ausstellung beschäftigen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Medium Bild, mit seiner Herstellung, mit der Ausdehnung des Bildraumes in den Ausstellungsraum, mit dem Sammeln, Aneignen und Verändern von Bildern sowie mit Serien, Wiederholung und Variation. Das klingt zunächst nach einer ziemlich großen Freiheit. Und tatsächlich ist diese Freiheit im Oktogon spürbar. Gleichzeitig verlangt sie dem Besucher einiges ab.
Denn wenn ein Künstler nicht mehr zeigen muss, was er kann, sondern zeigen darf, was ihn beschäftigt, verschiebt sich auch die Verantwortung. Dann muss der Besucher bereit sein, sich auf etwas einzulassen, dessen Regeln er nicht kennt. Ich finde das grundsätzlich richtig. Kunst muss nicht immer sofort verständlich sein. Vielleicht wäre sogar eine Kunstwelt ziemlich langweilig, in der jede Arbeit ihre Bedeutung bereits beim Betreten des Raumes mitliefert.
Trotzdem habe ich mich an diesem Nachmittag immer wieder gefragt, wie groß die Entfernung zwischen dem Künstler und dem Besucher eigentlich werden darf. Nicht jede Arbeit braucht eine Gebrauchsanweisung, aber manchmal hatte ich den Eindruck, dass ich als Besucher erst lernen musste, wie ich eine bestimmte Arbeit überhaupt ansehen soll. Das ist kein Vorwurf an die Künstler. Im Gegenteil: Vielleicht gehört genau diese Unsicherheit zu dem Moment, in dem sich eine eigene künstlerische Sprache entwickelt. Aber sie macht sichtbar, wie unterschiedlich die Erfahrungen von jemandem sein können, der innerhalb einer Kunsthochschule arbeitet, und von jemandem, der einfach durch die Tür kommt.
Dabei hat mir gerade das Oktogon geholfen. Der Raum selbst lässt sich nicht so leicht ignorieren. Seine Architektur gibt den Arbeiten einen Maßstab, auf den sie reagieren müssen. Manche Positionen scheinen sich diesen Raum anzueignen, andere bleiben eher für sich. Bei einigen Arbeiten hatte ich das Gefühl, dass Raum und Werk miteinander sprechen; bei anderen war mir die Arbeit wichtiger als der Raum. Auch das ist eine Erfahrung, die man nicht aus einem Katalog gewinnen kann. Man muss sich tatsächlich durch den Raum bewegen.
Und vielleicht liegt darin etwas Wesentliches an einer Ausstellung wie M25. Sie zeigt nicht einfach achtzehn fertige Antworten. Sie zeigt achtzehn unterschiedliche Versuche, mit Bildern, Materialien, Räumen und Wahrnehmung umzugehen. Manche davon haben mich länger beschäftigt als andere. Einige werde ich wahrscheinlich wieder vergessen. Das klingt vielleicht härter, als es gemeint ist. Aber ich glaube, dass genau darin eine ehrliche Erfahrung des Publikums liegt: Nicht jedes Werk hinterlässt eine Spur, und nicht jede Spur muss sofort eine Erklärung bekommen.
Während ich durch die Ausstellung ging, musste ich deshalb irgendwann an die Frage denken, die man einem jungen Künstler wahrscheinlich viel zu oft stellt: Was willst du damit sagen? Vielleicht ist das gar nicht immer die richtige Frage. Vielleicht müsste man häufiger fragen: Warum musstest du genau dieses Bild machen? Warum dieses Material? Warum diese Größe? Warum diese Wiederholung? Warum hier und nicht anderswo? Denn zwischen einer Erklärung und einer künstlerischen Notwendigkeit liegt ein großer Unterschied.
Der Titel Meisterschüler führt dabei fast automatisch zu einer anderen Erwartung. Das Wort klingt nach Beherrschung, nach einem erreichten Niveau, vielleicht sogar nach einer Art vorläufiger Vollendung. Aber Kunst funktioniert meiner Erfahrung nach selten so. Ein guter Handwerker kann zeigen, dass er etwas beherrscht. Ein Künstler muss manchmal gerade dort interessant werden, wo er seine Beherrschung wieder infrage stellt.
Vielleicht ist deshalb die spannendere Frage gar nicht, wann jemand Künstler ist. Vielleicht beginnt die Antwort dort, wo jemand aufhört, nur zeigen zu wollen, dass er Kunst machen kann, und anfängt, eine eigene Notwendigkeit zu entwickeln, überhaupt etwas sagen, zeigen oder untersuchen zu müssen.
Ob das bei jeder der achtzehn Positionen bereits der Fall ist, kann und will ich nicht entscheiden. Ich war dort nur für einige Stunden. Die Künstlerinnen und Künstler waren dort über Jahre. Das wäre ein ungerechtes Verhältnis, wenn ich mir nach einem Rundgang ein endgültiges Urteil erlauben würde.
Was ich mir aber erlauben kann, ist zu sagen, wie sich die Ausstellung für mich als Besucher angefühlt hat. Sie hat mich nicht überall überzeugt, nicht alles hat mich interessiert, und manches blieb mir fremd. Aber vielleicht ist das sogar eine gute Voraussetzung für eine Begegnung mit Kunst. Denn wenn ich aus einer Ausstellung komme und zu jeder Arbeit bereits eine fertige Meinung habe, habe ich möglicherweise zu schnell gesehen.
Ich ging an diesem Nachmittag aus dem Oktogon und hatte keine Rangliste im Kopf. Dafür hatte ich einige Bilder, Materialien und Räume im Gedächtnis, die noch nicht ganz verschwunden waren. Und ich hatte eine Frage, die mir im Nachhinein wichtiger erschien als die Frage nach der Qualität einzelner Arbeiten:
Vielleicht wird man nicht Künstler, wenn man gelernt hat, gute Bilder zu machen. Vielleicht beginnt es dort, wo man etwas gefunden hat, das man selbst noch nicht vollständig erklären kann – aber trotzdem nicht mehr loslassen möchte.








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