Was bleibt von der Stadt, wenn alles neu werden muss?

Über Berlin, das Bauen und die Erinnerung der Dinge

Rüdiger Steinhardt

Foto: Leipziger Straße, Berlin, 1909. Fotografie von Waldemar Titzenthaler. Ein Berliner Stadtbild, von dem heute nur noch einzelne Gebäude erhalten sind. Gemeinfrei.

Manchmal bemerke ich einen Abriss erst, wenn er schon geschehen ist. Eine Lücke, wo vorher ein Haus stand. Ein anderer Blick auf eine Straße. Mehr Himmel zwischen zwei Gebäuden. Zunächst wirkt es beinahe harmlos, denn eine Stadt ist schließlich kein Museum. Sie verändert sich, sie wächst, sie muss Wohnungen schaffen, neue Arbeitsplätze aufnehmen, Verkehr organisieren, Energie sparen und auf ein Klima reagieren, das sich ebenfalls verändert.

Gerade Berlin kann sich nicht einfach selbst einfrieren. Und doch gibt es diese seltsamen Momente, in denen ich an einer Stelle vorbeikomme, die ich seit Jahren kenne, und plötzlich merke, dass etwas fehlt. Nicht unbedingt ein berühmtes Gebäude. Manchmal nur ein Haus, ein Tor, eine Werkstatt, eine Fassade, ein Stück Wand. Aber mit diesem Stück Architektur ist auch eine bestimmte Erinnerung aus dem Straßenraum verschwunden.

Vielleicht liegt darin eines der schwierigsten Probleme der heutigen Stadtentwicklung. Wir wissen sehr genau, warum Berlin bauen muss. Der Wohnungsbedarf ist groß, und der Senat rechnet für die Jahre 2026 bis 2040 mit rund 211.000 zusätzlichen Wohnungen. Gleichzeitig sollen Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden, damit schneller gebaut werden kann. Das ist notwendig und vernünftig. Eine Stadt, die sich verändert, muss auf ihre Gegenwart reagieren. Aber gerade deshalb sollten wir uns eine zweite Frage erlauben: Wie viel Vergangenheit darf dabei verschwinden, bevor die Gegenwart selbst ärmer wird?

Ich bin mit Architektur aufgewachsen. In meiner Familie wurde über Gebäude gesprochen, lange bevor ich verstanden habe, dass man Architektur auch studieren kann. Es ging um Grundrisse, Materialien, Fenster, Proportionen, um gute und schlechte Lösungen und manchmal einfach darum, warum ein bestimmtes Haus an einem bestimmten Ort richtig wirkte. Vielleicht habe ich deshalb nie ganz verstanden, warum wir Gebäude so häufig nur nach ihrer Funktion beurteilen. Ein Haus ist natürlich dazu da, benutzt zu werden. Aber es ist gleichzeitig Teil eines Straßenraums, eines Stadtbildes und einer persönlichen Erinnerung. Man erkennt eine Stadt nicht nur an ihren Sehenswürdigkeiten. Man erkennt sie an den Dingen, die man gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, weil sie schon so lange da sind.

Das bedeutet nicht, dass jedes alte Gebäude erhalten werden muss. Auch das wäre eine romantische und letztlich unbrauchbare Vorstellung. Es gibt Häuser, die nicht mehr zu retten sind, Gebäude, deren energetische oder konstruktive Probleme eine neue Nutzung unverhältnismäßig teuer machen, und Orte, an denen Neubau tatsächlich die bessere Lösung sein kann. Ich habe nichts gegen neue Architektur. Im Gegenteil: Eine lebendige Stadt braucht neue Architektur, und Berlin wäre ohne die unterschiedlichen Schichten des 20. und 21. Jahrhunderts nicht Berlin. Was mir Sorgen macht, ist nicht das Neue. Es ist die Vorstellung, dass das Neue seinen Wert dadurch beweisen muss, dass das Alte verschwindet.

Gerade hier könnte Berlin vielleicht etwas gelassener werden. Das Landesdenkmalamt hat in diesem Jahr einen Leitfaden für das Bauen in der Umgebung von Denkmalen veröffentlicht und spricht darin ausdrücklich von der Aufgabe, Wohnungsbau und baukulturelles Erbe miteinander in Einklang zu bringen. Das klingt zunächst nach Verwaltungssprache, ist aber im Grunde eine sehr menschliche Frage: Wie kann etwas Neues entstehen, ohne dass das Vorhandene dabei bedeutungslos wird? Gute Stadtplanung müsste meiner Ansicht nach genau an diesem Punkt beginnen. Nicht mit der Frage „Alt oder neu?“, sondern mit der viel schwierigeren Frage: „Was braucht dieser Ort?“

Ich denke dabei oft an die Berliner Höfe, Werkstätten und kleinen Gewerbebauten, an die Häuser der Gründerzeit, an Nachkriegsbauten, an ehemalige Bahngelände und an jene unscheinbaren Gebäude, die nie in einem Architekturführer auftauchen werden. Manche von ihnen sind architektonisch nicht spektakulär. Aber zusammen bilden sie die Textur der Stadt. Sie erzählen davon, wie Menschen gewohnt, gearbeitet, gehandelt und sich eingerichtet haben. Eine Stadt besteht nicht nur aus ihren großen Bildern. Sie besteht aus Zwischenräumen, Übergängen und Wiederholungen. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum manche Neubaugebiete trotz guter Architektur zunächst fremd wirken: Sie sind noch nicht mit Erinnerung aufgeladen.

Das ist ein Punkt, den ich als besonders wichtig empfinde. Erinnerung entsteht nicht auf Knopfdruck. Man kann eine historische Fassade rekonstruieren, einen Platz neu gestalten, einen Namen an ein Gebäude schreiben. Aber die alltägliche Vertrautheit, die sich über Jahrzehnte zwischen Menschen und Orten entwickelt, lässt sich nicht einfach planen. Ein Kind, das jeden Morgen an derselben Fassade vorbeigeht, ein Ladenbesitzer, der seit vierzig Jahren seine Tür aufschließt, ein alter Baum vor einem Haus, die Spuren an einem Treppengeländer – all das sind Dinge, die in keinem Bebauungsplan vollständig vorkommen und trotzdem eine Stadt zu dem machen, was sie ist.

Vielleicht sollten wir deshalb auch unsere Vorstellung von „Effizienz“ in der Stadtentwicklung überprüfen. Ein Neubau kann effizienter sein als ein alter Bau. Er kann mehr Wohnungen aufnehmen, weniger Energie verbrauchen und wirtschaftlich sinnvoller sein. Aber eine Stadt ist kein reines Rechenmodell. Wenn wir nur Quadratmeter, Kosten, Nutzflächen und Verkehrswerte betrachten, übersehen wir etwas, das schwerer zu messen ist: die kulturelle Dichte eines Ortes. Manchmal besitzt ein altes Gebäude gerade deshalb einen Wert, weil es schon so viele Dinge erlebt hat. Es trägt Zeit in sich.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich zu verlassenen Orten so hingezogen fühle. Bei einem Lost Place wird plötzlich sichtbar, was im funktionierenden Alltag verborgen bleibt. Die Farbe blättert ab, Fenster werden blind, Pflanzen wachsen durch Risse, alte Beschriftungen treten wieder hervor. Der Ort wird langsam von seiner eigenen Geschichte eingeholt. Das kann romantisch wirken, manchmal sogar schön. Aber ich glaube, die eigentliche Faszination liegt woanders: Man erkennt plötzlich, dass Architektur ein Gedächtnis besitzt. Nicht im metaphorischen Sinn allein, sondern ganz materiell. In ihren Oberflächen, Veränderungen und Beschädigungen.

Berlin hat davon sehr viel. Und vielleicht liegt darin eine besondere Verantwortung dieser Stadt. Sie besitzt eine Architekturgeschichte, die von Kaiserreich und Moderne über Krieg und Teilung bis zur Wiedervereinigung und zur heutigen internationalen Metropole reicht. Diese Geschichte ist nicht sauber. Sie ist widersprüchlich, manchmal schmerzhaft und häufig politisch. Gerade deshalb sollte man sie nicht nur dort bewahren, wo sie bereits als Denkmal etikettiert und musealisiert wurde. Auch das Unvollkommene, das Unspektakuläre und das Widersprüchliche gehört zur Stadt.

Ich glaube nicht, dass Berlin weniger bauen sollte. Ich glaube, dass Berlin besser unterscheiden sollte. Zwischen dem, was wirklich ersetzt werden muss, und dem, was nur deshalb verschwindet, weil ein Grundstück mit einem neuen Gebäude wirtschaftlich interessanter ist. Zwischen einem Gebäude, das keine Zukunft mehr hat, und einem Gebäude, dessen Zukunft wir uns nur noch nicht vorstellen können. Zwischen einer Stadt, die sich entwickelt, und einer Stadt, die sich selbst auslöscht, um Platz für ihre nächste Version zu schaffen.

Denn vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: Nicht alles Alte zu bewahren, sondern das Richtige. Und nicht alles Neue zu verhindern, sondern das Neue so zu bauen, dass die Stadt sich darin noch wiedererkennt.

Wenn ich heute durch Berlin gehe, suche ich deshalb nicht nur nach dem, was gerade entsteht. Ich schaue auch auf die Häuser, an denen ich früher achtlos vorbeigegangen bin. Vielleicht ist das eine etwas sentimentale Gewohnheit. Aber ich glaube, dass Städte genau solche Gewohnheiten brauchen. Denn irgendwann wird auch das, was heute neu ist, alt sein. Dann wird eine andere Generation davorstehen und sich fragen, warum dieses Gebäude eigentlich noch da ist.

Was bleibt von der Stadt, wenn alles neu werden muss?

Ich hoffe, dass dann noch genug übrig ist, woran sie sich erinnern kann.

Berliner Stadtschloss, um 1900. Ein historisches Stadtbild vor der Zerstörung und dem späteren Wiederaufbau. Gemeinfrei.

Humboldt Forum, Berlin, Westfassade, 2023. Fotografie: Gerda Arendt. CC0 / gemeinfrei.

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