THE ART JOURNAL FOR CONTEMPORARY CULTURE, ART HISTORY, AND THOUGHT
Wer eine Stadt sammelt, verändert ihre Zukunft
Über jüdische Sammler, Mäzene und Kulturförderer und darüber, was Leipzig ihnen bis heute verdankt
Rüdiger Steinhardt


Foto: Eine Dame des jüdischen Großbürgertums der Leipziger Belle Époque: Ihre Eleganz und Bildung prägten das moderne Stadtbild um 1900
Wenn wir über die Kunstgeschichte einer Stadt sprechen, sprechen wir meistens über die Künstler. Wir nennen ihre Namen, betrachten ihre Bilder, suchen ihre Ateliers und versuchen, ihre Bedeutung in eine Geschichte einzuordnen. Viel seltener sprechen wir über diejenigen, die Kunst gekauft haben, die Künstler unterstützt, Ausstellungen ermöglicht, Museen gefördert und damit überhaupt erst ein kulturelles Umfeld geschaffen haben, in dem Kunst entstehen und wahrgenommen werden konnte. Dabei habe ich gerade in Leipzig immer wieder den Eindruck gewonnen, dass eine Stadt ihre eigene Kunstgeschichte nicht allein in ihren Museen und Archiven aufbewahrt. Sie steckt auch in den Biografien der Menschen, die irgendwann beschlossen haben, ein Bild zu kaufen, einen Künstler zu unterstützen oder eine kulturelle Institution mit aufzubauen.
Die Ausstellung „Vier Wände voller Kunst“ im Museum der bildenden Künste Leipzig macht genau diese vergessene Seite der Stadtgeschichte sichtbar. Sie stellt die Sammlungen und Biografien von elf jüdischen Leipziger Familien vor und zeigt damit nicht nur Kunstwerke, sondern ein ganzes kulturelles Milieu, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Entwicklung Leipzigs gehörte. Die Familien sammelten Werke des 19. Jahrhunderts, des französischen und deutschen Impressionismus und der Klassischen Moderne; zugleich waren sie untereinander, mit Künstlern und mit kulturellen Vereinen verbunden. Das Museum beschreibt sie ausdrücklich als wichtige Akteure des kulturellen Lebens der Stadt.
Was mich daran besonders interessiert, ist der Gedanke, dass Kunstförderung immer auch Stadtentwicklung ist. Ein Sammler verändert nicht nur die vier Wände seines Hauses. Wenn er einen Künstler unterstützt, wenn er ein Werk erwirbt, wenn er eine Ausstellung besucht oder einem Museum etwas überlässt, entsteht ein kulturelles Netzwerk. Über Jahre und Jahrzehnte können aus solchen privaten Entscheidungen öffentliche Folgen entstehen. Leipzig war um 1900 eine wirtschaftlich und kulturell aufstrebende Metropole; gerade in dieser bürgerlichen Welt entwickelten sich jene Beziehungen zwischen Handel, Verlagen, Musik, Kunst, Mäzenatentum und öffentlichem Leben, die das kulturelle Selbstverständnis der Stadt mitprägten. Die jüdischen Familien waren dabei keineswegs eine Randerscheinung. Sie waren Teil dieser Leipziger Bürgergesellschaft und gestalteten sie mit.
Vielleicht sollten wir deshalb den Begriff „Sammler“ etwas ernster nehmen. Sammeln klingt zunächst nach einer privaten Angelegenheit: Jemand hat Geld, Geschmack und genügend Platz und stellt sich Kunst in die Wohnung. Aber so einfach war es nicht. Eine Sammlung ist immer auch eine Form der Entscheidung darüber, was einer Gesellschaft Aufmerksamkeit wert ist. Wer einen noch wenig bekannten Künstler kauft, übernimmt ein gewisses Risiko. Wer eine Arbeit eines jungen Künstlers fördert, investiert nicht nur Geld, sondern Vertrauen. Und wer Kunst in seinem Haus selbstverständlich werden lässt, trägt dazu bei, dass Kunst Teil einer gesellschaftlichen Kultur wird und nicht nur Angelegenheit einiger Spezialisten bleibt.
Gerade die Geschichte des jüdischen Bürgertums in Leipzig zeigt, wie eng diese private und öffentliche Sphäre miteinander verbunden waren. Die Familien, mit denen sich das MdbK beschäftigt, waren nicht nur Kunstbesitzer. Sie engagierten sich in Vereinen und Clubs, pflegten Freundschaften mit Künstlern und waren untereinander vielfach verbunden. Aus einzelnen Sammlungen entstand so ein kulturelles Netzwerk. Wenn ich mir diese Zusammenhänge vorstelle, erscheint mir Leipzig um 1900 weniger wie eine Stadt mit einigen großen Kulturinstitutionen, sondern vielmehr wie ein dichtes Geflecht von Menschen, Wohnungen, Geschäften, Verlagen, Ateliers, Vereinen und privaten Räumen, in denen Kultur täglich stattfand.
Und dann kam der Bruch.
Was mich an dieser Geschichte besonders bewegt, ist nicht nur, dass diese Menschen verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Es ist auch die Tatsache, dass mit ihnen ein Teil der kulturellen Infrastruktur der Stadt verschwand. Sammlungen wurden auseinandergerissen, Werke verkauft oder geraubt, Beziehungen brachen ab, Namen verschwanden aus dem öffentlichen Bewusstsein. Das MdbK spricht heute ausdrücklich davon, dass das Wissen über das Wirken dieser Leipziger jüdischen Bürgerinnen und Bürger weitgehend verloren gegangen ist. Die aktuelle Provenienzforschung versucht deshalb nicht nur herauszufinden, wem einzelne Bilder einmal gehört haben. Sie versucht, die Beziehungen zwischen Menschen, Kunstwerken und Institutionen wieder sichtbar zu machen.
Für mich liegt darin eine wichtige Unterscheidung. Provenienzforschung ist nicht nur die Suche nach einem rechtmäßigen Eigentümer. Sie ist auch die Suche nach einer verlorenen Stadtgeschichte. Hinter einem Bild, das heute ruhig an einer Museumswand hängt, kann sich die Geschichte einer Familie befinden, einer Wohnung, eines gesellschaftlichen Kreises und eines Lebens, das irgendwann gewaltsam unterbrochen wurde. Wenn ein Museum diese Geschichte wieder erzählt, gibt es dem Kunstwerk nicht seine ursprüngliche Bedeutung zurück – das wäre unmöglich. Aber es gibt ihm einen Teil seines Gedächtnisses zurück.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die Ausstellung für das heutige Leipzig besonders interessant wird. Wir sprechen gern von kulturellem Erbe, als wäre dieses Erbe etwas Fertiges, das einfach von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Aber das stimmt nicht. Kulturelles Erbe muss immer wieder entdeckt werden. Manchmal muss man es aus Archiven holen, manchmal aus alten Adressbüchern, manchmal aus einem Depot und manchmal aus dem Gedächtnis einer Stadt. Dass das MdbK heute die Geschichte dieser Familien erforscht, bedeutet deshalb mehr, als eine Lücke in einem Ausstellungskatalog zu schließen. Es verändert auch die Geschichte, die Leipzig über sich selbst erzählt.
Und trotzdem würde ich mir wünschen, dass wir bei dieser Wiederentdeckung nicht nur zurückblicken. Die eigentliche Frage lautet für mich: Was machen wir heute mit dem kulturellen Boden, den diese Menschen geschaffen haben? Leipzig besitzt eine starke Kunstszene, eine lebendige Galerielandschaft, Museen, Hochschulen, freie Räume und ein Publikum, das Kunst ernst nimmt. Vieles davon erscheint uns selbstverständlich. Aber vielleicht sollten wir uns gelegentlich daran erinnern, dass kulturelle Landschaften nicht von allein entstehen. Sie brauchen Menschen, die Künstlern vertrauen, Räume öffnen, Geld investieren, Verantwortung übernehmen und manchmal auch etwas fördern, dessen Bedeutung noch gar nicht absehbar ist.
In diesem Sinne ist Vier Wände voller Kunst für mich keine Ausstellung über eine verschwundene Welt. Sie ist auch eine Ausstellung über die Voraussetzungen dafür, dass eine Stadt überhaupt eine Kunststadt werden kann. Die jüdischen Sammler und Kulturförderer Leipzigs haben diese Voraussetzungen mitgeschaffen. Ihre Namen sind durch die Verbrechen des Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Gedächtnis gedrängt worden; ihre Bedeutung für die kulturelle Entwicklung der Stadt ist dadurch aber nicht verschwunden. Im Gegenteil: Je genauer man heute hinsieht, desto deutlicher wird, wie viel Leipzig ihnen verdankt.
Vielleicht ist das die schönste und zugleich unbequemste Erkenntnis dieser Ausstellung: Eine Stadt besteht nicht nur aus ihren Gebäuden. Sie besteht auch aus den Menschen, die an ihre kulturelle Zukunft geglaubt haben. Einige dieser Menschen kennen wir wieder. Andere werden wir vielleicht erst noch kennenlernen. Und vielleicht sollten wir uns bei der Betrachtung ihrer Sammlungen nicht nur fragen, was sie damals an ihren Wänden hängen hatten. Wir sollten uns auch fragen, welche Künstler wir heute unterstützen, welche Kultur wir heute ermöglichen und welche Spuren davon in hundert Jahren noch zu sehen sein werden.


Titelblatt des historischen Katalogs der „Galerie Alfred Thieme“, Leipzig, 1900. Alfred Thieme gehörte zu den bedeutendsten Leipziger Kunstsammlern seiner Zeit.
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