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Abstraktion, die den Blick bewegt
Die Galerie Christian Lethert feiert ihr zwanzigjähriges Bestehen mit einer Gruppenausstellung. Ihre Stärke liegt in den Unterschieden zwischen den künstlerischen Positionen.
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10/7/20263 min lesen


Antwerpener Straße 52 im Belgischen Viertel in Köln: Seit 2017 befindet sich die Galerie Christian Lethert in diesem Gründerzeithaus. Aufnahme vom 14. Oktober 2019. Foto: Asperatus / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Die Fassade an der Antwerpener Straße 52 verrät wenig über die Fragen, die hinter ihr verhandelt werden. Seit 2017 arbeitet die Galerie Christian Lethert hier, in einem Kölner Gründerzeithaus; gegründet wurde sie 2006 wenige Hausnummern entfernt. Bis zum 16. Oktober versammelt ihre Jubiläumsausstellung die 17 Künstlerinnen und Künstler des Programms. Mich interessiert an diesem Anlass weniger die runde Zahl als das Versprechen einer solchen Zusammenstellung: Lässt sich eine erkennbare Haltung über zwanzig Jahre entwickeln, ohne dass die Werke irgendwann nur noch die Erwartungen an diese Haltung erfüllen? Das abstrakt-minimalistische Profil der Galerie gibt dafür einen Rahmen vor. Die einzelnen Positionen machen ihn durchlässig.
Schon das Verhältnis von Farbe und Raum lässt sich hier keineswegs auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Imi Knoebels Figur H 145 von 1986 trägt die Farbe auf Holz und behauptet eine körperliche Ausdehnung, die über das herkömmliche Bildrechteck hinausweist. Lutz Fritschs Goldene Zeiten: Oktober (2026), in Lack auf Aluminium ausgeführt, setzt einen anderen materiellen Akzent. Bei Rana Begum wiederum wird die Beziehung zwischen Farbe, Licht und räumlicher Wahrnehmung zum Gegenstand einer Arbeit, die sich mit dem Standort des Betrachters verändert. Ihre No. 639 L Mesh (2015) führt bemalten Edelstahl in diesen Zusammenhang ein. Wer solche Werke gemeinsam betrachtet, muss auch die eigene Position mitdenken: Farbe hat einen Träger, eine räumliche Wirkung und Bedingungen, unter denen sie sichtbar wird.
Natascha Schmitten und Daniel Lergon verschieben diese Frage in die Oberfläche hinein. Schmittens Butterfly effect (2026) entsteht mit Tusche und Öl auf Nylon. Das Gewebe erlaubt ein Wechselspiel zwischen Durchlässigkeit und Verdichtung; der Bildgrund wirkt an der Entstehung des Raumes mit, statt hinter der Malerei zu verschwinden. Lergons unbetitelte Arbeit von 2026 verbindet retroreflexives Pigment und Preußischblau mit Acryl auf einer Erdschicht auf Leinwand. Seine Untersuchung des Zusammenspiels von Licht und Material erinnert daran, wie wenig selbstverständlich eine Oberfläche ist. Für mich liegt darin eine produktive Zumutung dieser Kunst: Eine fotografische Reproduktion kann ihre Erscheinung festhalten, aber die Bedingungen dieser Erscheinung nur begrenzt vermitteln.
Doch Wahrnehmung ist nicht immer eine Angelegenheit kontrollierter Ordnung. Alicia Viebrocks Lamia (2026) führt Tusche, Acryl und Öl in eine Malerei, deren gestische Energie zwischen Setzung und intuitiver Bewegung vermittelt. Gereon Krebbers glasierte Keramik Plöppi (2026) gehört zu einer bildhauerischen Praxis, in der biomorphe Formen und groteske Anmutungen Anziehung und Befremden miteinander verbinden. Gerade diese Positionen bewahren das Programm vor einer allzu glatten Vorstellung von Abstraktion. Sie lassen die Frage zu, wie viel Unruhe eine Form aufnehmen kann, ohne ihre Spannung zu verlieren.
Eine andere Intensität entsteht bei Jill Baroff und Richard Tuttle. Baroffs Hurricane Ian (2022–2023), Tusche auf japanischem Gampi-Papier, steht im Zusammenhang einer Praxis, die genaue Beobachtung, Zeit und eine außerordentliche Sensibilität für das Material verbindet. Tuttle ist mit Almost Sky (2026) vertreten, einer auf Washi gedruckten Bildrolle in einer Paulownia-Schatulle. Schon dieses Format legt eine zeitliche Begegnung nahe: Eine Rolle lässt sich nach und nach erschließen. Hier gewinnt die Aufmerksamkeit eine andere Dauer als vor einem Bild, das sich mit einem einzigen Blick zu erfassen scheint. Die Frage nach der Bedeutung eines Werkes lässt sich deshalb auch nicht zuverlässig durch seine Größe beantworten.
Was diese Ausstellung für das Sammeln interessant macht, ist aus meiner Sicht gerade die Verschiedenheit solcher Ansprüche. Ein Werk, das mit Licht reagiert, eine Malerei auf transparentem Gewebe oder eine Bildrolle verlangen unterschiedliche Formen des Umgangs. Man erwirbt mit ihnen auch die Aufgabe, ihre Wahrnehmung immer wieder zu ermöglichen. Die historische Fassade auf unserem Bild bezeichnet den Ort, an dem solche Beziehungen entstehen können: zwischen Werken, zwischen Generationen und zwischen Künstlern und ihrem Publikum. Ob aus einem Galerieprofil eine dauerhafte kulturelle Bedeutung wird, entscheidet sich daran, wie offen diese Beziehungen bleiben. Ein Jubiläum bietet die Gelegenheit, diese Offenheit an den Arbeiten selbst zu prüfen.
Ausstellung: 20 Jahre Galerie Christian Lethert
Laufzeit: 5. September–16. Oktober 2026
Ort: Galerie Christian Lethert, Antwerpener Straße 52, 50672 Köln
Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler: Jill Baroff, Rana Begum, Szelit Cheung, Henrik Eiben, Pius Fox, Lutz Fritsch, Joe Fyfe, Roman Gysin, Tony Huynh, Imi Knoebel, Gereon Krebber, Daniel Lergon, Kai Richter, Winston Roeth, Natascha Schmitten, Richard Tuttle und Alicia Viebrock.
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