Als die Wände noch niemandem gehörten

Über Graffiti, Street Art und den langen Weg von der Straße ins Museum

Rüdiger Steinhardt

Amsterdam, Weteringschans, 1980. Wandmalerei an einem besetzten Haus. Fotografie: Hans van Dijk / Anefo. CC0.

In den achtziger Jahren bin ich mit einem Rucksack durch Europa gereist. Nicht mit dem Plan, Kunst zu sehen, sondern mit dem Wunsch, Städte kennenzulernen. Ich erinnere mich an Bahnhöfe, Unterführungen, Hinterhöfe und Hauswände, an denen Namen, Zeichen, Figuren und manchmal ganze Bilder auftauchten. Manches war kaum mehr als eine hastige Signatur, anderes hatte eine erstaunliche Präzision. Damals hätte ich nicht gesagt, dass ich Kunst sehe. Ich hätte wahrscheinlich gesagt: Da hat jemand etwas an die Wand gesprüht. Heute frage ich mich manchmal, ob diese Unterscheidung tatsächlich so einfach war.

Graffiti gehörte für mich damals zur Stadt, so wie Fahrkartenautomaten, Telefonzellen, Plakatwände oder die schmutzigen Fensterscheiben der Züge. Es war nicht dafür gedacht, dass man stehen blieb und es betrachtete. Es wollte gesehen werden, aber nicht unbedingt auf die Art, wie ein Gemälde gesehen werden möchte. Es tauchte auf, verschwand wieder, wurde übermalt oder entfernt und hinterließ dabei etwas, das ich heute als eine Art inoffizielles Gedächtnis der Stadt verstehen würde. Namen tauchten an Orten auf, an denen niemand mit ihnen gerechnet hatte. Menschen, die sonst kaum Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen konnten, machten sich sichtbar. Die Wand wurde zur Fläche einer Behauptung: Ich war hier.

Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Geschichte des Graffiti. Nicht bei der Frage, ob es Kunst war, sondern bei der viel älteren Frage, wem der öffentliche Raum eigentlich gehört. Eine Wand hat zunächst einen Besitzer. Eine Stadt hat Regeln. Derjenige, der ohne Erlaubnis darauf schreibt, überschreitet eine Grenze. Darin lag ein Teil der ursprünglichen Spannung. Das Graffiti brauchte keine Galerie, keinen Kurator und keinen weißen Ausstellungsraum. Es brauchte eine Oberfläche und jemanden, der bereit war, sie sich für einen Augenblick anzueignen.

Mit der Zeit veränderte sich diese Sprache. Aus einfachen Namen wurden komplexe Schriftzüge, aus Schriftzügen Bilder, aus Bildern ganze Wandkompositionen. Besonders in New York entwickelte sich aus den frühen Formen des Writing eine visuelle Kultur, die bald weit über ihre ursprünglichen Orte hinauswirkte. Hip-Hop, Musik, Tanz und Graffiti begannen miteinander zu kommunizieren. Die Wand war nicht mehr nur ein Ort, an dem jemand seinen Namen hinterließ. Sie wurde zur Bühne einer eigenen Ästhetik.

Was mich daran bis heute fasziniert, ist die Geschwindigkeit, mit der sich diese Kultur verändert hat. Denn sobald etwas sichtbar wird, beginnt die Außenwelt, es zu betrachten, zu bewerten und irgendwann auch zu benennen. Aus Graffiti wurde Street Art, aus Street Art wurde eine Kunstszene und aus der Kunstszene entstand ein Markt. Das ist kein ungewöhnlicher Weg in der Kunstgeschichte. Viele Formen, die ursprünglich außerhalb etablierter Institutionen entstanden sind, wurden irgendwann von genau diesen Institutionen entdeckt. Aber beim Graffiti ist die Sache besonders widersprüchlich, weil seine ursprüngliche Energie gerade aus der Übertretung von Regeln entstanden ist.

Ich frage mich deshalb manchmal, was aus dem alten Reiz der Wand geworden ist. Früher musste jemand dort etwas hinterlassen, obwohl er nicht darum gebeten worden war. Heute wird eine Wand manchmal schon vorbereitet, damit jemand etwas darauf hinterlassen darf. Städte vergeben Flächen, organisieren Festivals, beauftragen Künstler und vermarkten ganze Viertel mit ihren Murals. Was früher entfernt wurde, kann heute zum touristischen Orientierungspunkt werden. Die Stadt, die das Graffiti einst bekämpfte, kann es inzwischen selbst bestellen.

Das ist kein Vorwurf. Im Gegenteil: Ich finde es durchaus erfreulich, dass viele Städte gelernt haben, urbane Kunst nicht nur als Störung zu betrachten. Öffentliche Kunst kann einen Ort verändern, Nachbarschaften miteinander verbinden und Räume aufwerten, die vorher kaum Beachtung fanden. Auch Künstler profitieren davon, wenn ihre Arbeit nicht mehr automatisch als Sachbeschädigung behandelt wird. Aber die Geschichte wird interessanter, wenn wir anerkennen, dass mit der Anerkennung auch etwas verloren gehen kann. Denn eine Kunst, die niemandem Rechenschaft schuldig sein wollte, verändert ihren Charakter, wenn sie plötzlich von Institutionen eingeladen wird.

Vielleicht ist das der Moment, in dem Banksy so interessant wird. Nicht weil er der erste Künstler war, der Kunst auf die Straße brachte, und auch nicht, weil er das Graffiti erfunden hätte. Seine besondere Leistung liegt für mich vielmehr darin, dass er die alte Logik der Straße mit den Möglichkeiten der globalen Kunstwelt verbunden hat. Das Bild erscheint an einer Wand, oft überraschend und ohne Vorankündigung, wird fotografiert, verbreitet sich innerhalb kürzester Zeit über das Internet und gelangt anschließend in Zeitungen, Ausstellungen, Auktionen und private Sammlungen. Die Straße wird zum Ausgangspunkt einer weltweiten Zirkulation.

Gerade darin steckt eine bemerkenswerte Ironie. Der anonyme Künstler, der sich dem Kunstbetrieb entzieht, wird selbst zu einer der bekanntesten Figuren dieses Kunstbetriebs. Das Werk, das eigentlich für einen bestimmten Ort gedacht war, kann plötzlich Millionen von Menschen erreichen. Und eine Arbeit, die ursprünglich nicht transportiert werden sollte, kann schließlich ihren Platz in einem Museum finden. Vielleicht hat Banksy deshalb weniger das Museum erobert, als das Museum gezwungen, wieder auf die Straße zu schauen.

Natürlich kann man darin einen Triumph sehen. Eine Kunstform, die lange als Vandalismus galt, hat sich ihren Platz in der Kunstgeschichte erkämpft. Künstler aus dieser Tradition werden heute gesammelt, ausgestellt und wissenschaftlich untersucht. Das ist eine Form von Anerkennung, die ich nicht gering schätzen würde. Gleichzeitig sollten wir uns davor hüten, die Geschichte rückwirkend zu glätten. Nicht jedes Graffiti war Kunst, nur weil später Kunstinstitutionen Interesse daran entwickelten. Und nicht jede institutionell beauftragte Wandarbeit besitzt automatisch die Energie eines illegalen Bildes.

Vielleicht liegt gerade in dieser Unterscheidung die interessante Aufgabe der Gegenwart. Wir müssen nicht entscheiden, ob Graffiti „wirklich Kunst“ ist. Diese Frage erscheint mir inzwischen fast zu klein. Spannender ist die Frage, was mit einer Kunstform geschieht, wenn sich ihre Bedingungen verändern. Was bleibt von ihrer Freiheit, wenn sie anerkannt wird? Was bleibt von ihrer Spontaneität, wenn sie geplant wird? Was bleibt von ihrer Ortsgebundenheit, wenn ein Bild aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und auf einer Leinwand verkauft wird?

Und trotzdem würde ich nicht sagen, dass das Graffiti dadurch seine Geschichte verraten hat. Kunst war immer in Bewegung. Künstler haben Techniken übernommen, Institutionen genutzt, Märkte bedient und sich gleichzeitig gegen genau diese Strukturen gestellt. Vielleicht ist das Widersprüchliche sogar eine der stärksten Eigenschaften der Street Art. Sie kann gleichzeitig Protest und Auftrag, illegale Intervention und Museumsobjekt, lokale Botschaft und globale Marke sein.

Wenn ich heute durch europäische Städte gehe, sehe ich deshalb die Wände anders als damals mit meinem Rucksack. Ich erkenne inzwischen mehr von der Geschichte, die hinter den Bildern steht. Aber manchmal vermisse ich auch die Ungewissheit von früher: Wer hat das gemacht? Warum gerade hier? Und warum musste es überhaupt hier sein? Vielleicht war genau diese Ungewissheit ein Teil der Freiheit.

Eine Stadt braucht meiner Meinung nach Räume, in denen Menschen etwas sagen dürfen. Sie braucht aber vielleicht auch Räume, in denen noch nicht entschieden wurde, was gesagt werden darf und wer dafür zuständig ist. Das ist einer der Gründe, warum ich Graffiti weiterhin für mehr halte als für eine Stilrichtung der Gegenwartskunst. Es erinnert uns daran, dass öffentlicher Raum niemals nur aus Architektur, Straßenplanung und Eigentumsverhältnissen besteht. Er ist auch ein Ort der Behauptung, des Widerspruchs und manchmal der Überraschung.

Vielleicht hat das Graffiti seine größte Freiheit nicht verloren, als es ins Museum kam. Vielleicht hat es etwas anderes gelernt: zwischen Straße und Institution zu leben, ohne sich vollständig einer von beiden Seiten zu überlassen.

Und vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich wieder eine Wand betrachten, ohne sofort zu fragen, ob das Kunst ist. Sondern einfach: Wer hat hier etwas zu sagen?

Berlin, 1988. Graffiti an der Berliner Mauer. Gemeinfrei.

Graffiti in Paris. Fotografie: Nicolas Vigier. CC0 / gemeinfrei.

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