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Bettina Heinen-Ayech: Eine Wiederentdeckung mit Vorgeschichte
AKTUELL
DOKUNST
10/13/20263 min lesen


Ein Mensch schläft, das Bild bleibt hellwach. In Bettina Heinen-Ayechs Aquarell Schlafender Bäckerlehrling in Algerien von 1963 sinkt der Kopf auf die Hände, während gelbe, rote und grüne Konturen Körper, Kleidung und Stuhllehne in eine unruhige gemeinsame Bewegung versetzen. Die Nähe des Ausschnitts gibt dem Ruhenden eine Präsenz, die über das erzählerische Motiv hinausgeht. Anlässlich ihres 30-jährigen Jubiläums widmet die ARTfair Innsbruck der deutsch-algerischen Malerin vom 23. bis 25. Oktober 2026 eine Sonderschau in der Olympiaworld. Für das Publikum bietet sich damit die Gelegenheit, ein Werk kennenzulernen, dessen neue Sichtbarkeit eine genauere Betrachtung verdient.
Heinen-Ayech, 1937 in Solingen geboren und 2020 gestorben, wuchs im künstlerischen Umfeld des „Schwarzen Hauses“ auf. Ihr Lehrer Erwin Bowien vermittelte ihr das Arbeiten unmittelbar vor dem Motiv; 1963 verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Guelma in Algerien, ohne die Verbindung zu Europa aufzugeben. Wie sehr sich ihre Malerei aus konkreten Lebensräumen entwickelte, lässt sich auch an den der Redaktion vorliegenden Reproduktionen ablesen: Im Bild ihres Hauses in Guelma von 1972 führen gestaffelte Türrahmen durch einen schmalen Innenraum, dessen Tiefe von blauen, orangefarbenen und gelben Flächen zugleich aufgebaut und rhythmisch gegliedert wird. Im Sonnenblumenfeld von 1971 verdichten sich schwere Blütenköpfe und gebogene Stängel zu einem Geflecht aus Wachstum und Vergehen. Das intensive Kolorit trägt hier eine Spannung, die mit dem geläufigen Bild eines lichtdurchfluteten Südens nur unzureichend beschrieben wäre.
Gerade deshalb lohnt es sich, beim Begriff der Wiederentdeckung innezuhalten. Die Stiftung verweist auf zwei große Retrospektiven im Nationalmuseum der Schönen Künste in Algier zu Lebzeiten der Künstlerin. Wer ihre heutige Präsenz in Europa als Beginn ihrer Anerkennung erzählt, lässt diese Rezeptionsgeschichte außer Acht. Für mich liegt die interessantere Frage darin, weshalb ein Werk in einem Land institutionelle Aufmerksamkeit finden kann, während es andernorts nur begrenzt wahrgenommen wird. Eine solche Verschiebung des Blicks nimmt auch Algerien als Ort künstlerischer Anerkennung ernst.
Die von Haroun Ayech und Miriam Unland kuratierte Innsbrucker Kabinettausstellung setzt auf ausgewählte Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensphasen. Nach Angaben der Stiftung stammen die Leihgaben überwiegend aus Privatbesitz; einzelne Bilder seien seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt worden. Darin liegt ein konkreter Beitrag der Präsentation: Sie macht verstreute Werke wieder zugänglich. Auf einer Kunstmesse begegnet diese Arbeit am künstlerischen Gedächtnis zugleich den Interessen von Galerien und Sammlern. Die Auswahl der Stiftung wird damit zum Angebot, ein Lebenswerk neu zu betrachten. Welche kunsthistorischen Schlüsse daraus folgen, muss sich an den Bildern und ihrer Erforschung erweisen.
Eine breitere Grundlage dafür soll die vom 16. Januar bis 4. April 2027 angekündigte Ausstellung Bettina Heinen-Ayech – Künstlerin zwischen zwei Kontinenten im Kunstmuseum Schwaan schaffen. Nach Auskunft der Stiftung wird sie von Museumsdirektorin Annette Winter-Süß kuratiert und durch eine Kabinettausstellung mit Werken von Bowien und Amud Uwe Millies ergänzt. Innsbruck eröffnet zunächst eine konzentrierte Begegnung. Wer dort vor diesen Bildern steht, darf sich Zeit nehmen für ihre eigentümliche Verbindung von alltäglichem Motiv und farblicher Unruhe. Der schlafende Bäckerlehrling gibt dafür bereits einen guten Anlass.
Bettina Heinen-Ayech – Museale Sonderschau
Im Rahmen der 30. ARTfair Innsbruck
23.–25. Oktober 2026, täglich 11–19 Uhr
Olympiaworld Innsbruck · Olympiahalle
Olympiastraße 10, 6020 Innsbruck, Österreich
Kuratiert von Dr. Haroun Ayech und Miriam Unland
Weitere Informationen und Tickets: https://www.artfair-innsbruck.com
Bettina Heinen-Ayech (1937–2020), Schlafender Bäckerlehrling in Algerien, 1963. Aquarell auf Papier, 48 × 36 cm. Foto: Daniela Tobias. Mit freundlicher Genehmigung der Bettina Heinen-Ayech Foundation.




Bettina Heinen-Ayech (1937–2020), Sonnenblumenfeld in Algerien, 1971, 72,5 × 73 cm. Mit freundlicher Genehmigung der Bettina Heinen-Ayech Foundation.
Bettina Heinen-Ayech (1937–2020), Hotel Oasis während eines Wüstensturms, Biskra (Algerien), 1973. Aquarell auf Papier, 48 × 36 cm. Mit freundlicher Genehmigung der Bettina Heinen-Ayech Foundation.
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