Das Comeback des Praters in Berlin

Die kommunale Avantgarde holt sich ihre historische Bastion zurück

AKTUELL

9/2/20262 min lesen

Die neue Ära des Praters: Die historische Backsteinfassade in der Kastanienallee 7 - 9 in Berlin Prenzlauer Berg ist nach jahrelanger Sanierung wieder Schauplatz kommunaler Gegenwartskunst. Foto: Aidexxx/ Wikimedia Commons

Die institutionelle Landschaft der zeitgenössischen Kunst in Berlin ordnet sich neu: Grund dafür ist die lang erwartete offizielle Wiedereröffnung der Prater Galerie. Nach einer Schließung seit dem Jahr 2019 für eine ehrgeizige und komplexe denkmalgerechte Sanierung, die eine öffentliche Investition von fast zwölf Millionen Euro verschlungen hat, kehrt der ikonische kommunale Kunstraum des Bezirks Pankow an seinen historischen Standort in der lebendigen Kastanienallee 7-9 zurück.

Diese Schlüsselübergabe an die Berliner Kunstszene geht weit über eine rein architektonische Renovierung hinaus. Sie gibt dem vereinten Berlin eines seiner kämpferischsten und am tiefsten verwurzelten öffentlich verwalteten Kunstlabore zurück. Damit setzt sie ein entscheidendes intellektuelles Gegengewicht zur fortschreitenden Gentrifizierung und zur Sättigung des traditionellen, kommerziellen Galerienmodells der Hauptstadt.

Unter der kuratorischen Leitung von Katharina von Hagenow, die die Herausforderung nach dem langjährigen Vermächtnis von Lena Prents antritt, wird die neue Ära der Galerie mit der internationalen Gruppenausstellung „Courage: Schwestern im Geiste“ eingeläutet. Das Konzept der Schau ist eine explizite und kritische Hommage an die bewegte Geschichte des Raums selbst, der ursprünglich 1967 in Ost-Berlin (DDR) gegründet wurde. Die Kuratierung stellt einen direkten, ungeschönten Dialog her zwischen den Werken von Dissidentinnen, die sich der sozialistischen Ordnung des Ostens widersetzten – und in den offiziellen Katalogen historisch an den Rand gedrängt wurden –, und den Stimmen zeitgenössischer Künstlerinnen aus aktuellen Konfliktregionen wie der Ukraine und Belarus (darunter Arbeiten von Yevgenia Belarousets und Magdalena Jetelová). Hierbei handelt es sich nicht um eine nostalgische Ästhetisierung, sondern um eine Konfrontation von Widerstandserfahrungen unter autoritären Regimen der Vergangenheit und Gegenwart.

Diese Wiedereröffnung im Prenzlauer Berg verändert die Berliner Dynamik von Sammeln und Ausstellen nachhaltig. In einer Kunstlandschaft, die sich zunehmend zwischen dem Luxus des Gallery Weekend und globalen Großereignissen fragmentiert, unterstreicht die Rückkehr der Prater Galerie die unverzichtbare Rolle des frei zugänglichen, kommunalen Raums. Durch die gemeinsame Nutzung des historischen Innenhofs des Prater Gartens mit der Spielstätte der legendären Volksbühne (deren Theaterbetrieb in den kommenden Wochen ebenfalls wieder anläuft) etabliert sich der Komplex erneut als multidisziplinärer Pol für urbane Begegnung und hochkarätigen Kulturdiskurs. Das Comeback der Prater Galerie in der Kastanienallee beweist, dass angesichts der Volatilität des privaten Kunstmarktes das historische Gedächtnis und der lokale, kuratorische Widerstand nach wie vor die solidesten Fundamente der Berliner Avantgarde bilden.

© 2024 All rights reserved.

Contact:

info@dokunstmag.de

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Esteban Velazquez v. Wilhelm

Badergraben 16 04808 Wurzen

Kontakt:

Verantwortlich für den Inhalt nach § 18 Abs.2 MstV:

+49 15776999372

Esteban Velazquez v. Wilhelm

info@dokunstmag.de

www.dokunstmag.de

Badergraben 16 04808 Wurzen