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Das Jüdische Museum Berlin sucht das „Gegenteil von Jetzt“
Der Möglichkeit einer anderen Gegenwart
AKTUELL
9/2/20265 min lesen


Der Garten des Exils am Jüdischen Museum Berlin. Die Architektur von Daniel Libeskind gehört zu den prägenden Elementen des Museums. Die neue Ausstellung „Das Gegenteil von Jetzt“ fragt nach künstlerischen Möglichkeiten, die Gegenwart anders zu denken. Foto: Pask77 / Public Domain.
Zum 25-jährigen Bestehen richtet das Jüdische Museum Berlin den Blick nach vorn: Zwölf künstlerische Projekte fragen nach Hoffnung, Erneuerung und der Möglichkeit einer anderen Gegenwart
BERLIN. Was wäre, wenn die Gegenwart nicht das Ende der Möglichkeiten wäre? Wenn das, was heute als unveränderlich erscheint, doch verändert werden könnte? Mit diesen Fragen eröffnet das Jüdische Museum Berlin heute, am 3. September, seine neue Jubiläumsausstellung „Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart“. Zum 25-jährigen Bestehen des Museums wird die Kunst damit nicht nur zum Spiegel der Gegenwart, sondern zu einem Instrument, um über ihre Überwindung nachzudenken.
Die Ausstellung, die ab dem 4. September für das Publikum zugänglich ist und bis zum 10. Januar 2027 läuft, versammelt zwölf eigens entwickelte künstlerische Projekte. Beteiligt sind Yael Bartana, Andrea Büttner, Chto Delat International, Arnold Dreyblatt, William Forsythe, Dana Kavelina, Alexander Kluge, Daniel Laufer, Ari Benjamin Meyers, Alona Rodeh, Eran Schaerf und Dor Zlekha Levy. Gemeinsam bilden ihre Arbeiten kein geschlossenes Zukunftsbild. Vielmehr stellen sie die vielleicht schwierigere Frage, wie eine andere Gegenwart überhaupt vorstellbar werden kann. JJüdisches Museum Berlin
Gegen die Vorstellung einer alternativlosen Gegenwart
Der Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Gefühl, das gegenwärtig weit über die Kunstwelt hinausreicht: die Erfahrung einer bedrückenden, krisenhaften und vielfach als ausweglos empfundenen Gegenwart. Das Jüdische Museum Berlin setzt dieser Situation nicht eine fertige Utopie entgegen. Es interessiert sich vielmehr für die Fähigkeit des Menschen, sich Alternativen überhaupt wieder vorzustellen.
Damit berührt die Ausstellung eine zentrale Frage zeitgenössischer Kunst: Welche Rolle kann Kunst in einer Gesellschaft spielen, die sich zunehmend mit Krisen, Unsicherheit und politischen Gegensätzen konfrontiert sieht? Für das JMB lautet die Antwort nicht Rückzug, sondern Intervention. Kunst soll Räume öffnen, in denen das scheinbar Unmögliche zumindest gedacht werden kann.
Besonders prägnant wird dieser Ansatz durch einen historischen Bezug. Allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern wurde im Vorfeld ein Radiogespräch aus dem Jahr 1964 zwischen Ernst Bloch und Theodor W. Adorno zur Verfügung gestellt. Die beiden deutsch-jüdischen Philosophen diskutierten darin über die Möglichkeiten utopischen Denkens und darüber, wie eine bessere Gesellschaft überhaupt vorstellbar werden kann. Beide waren vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Deutschland geflohen. JJüdisches Museum Berlin
Mehr als sechs Jahrzehnte später wird dieses Gespräch zum Ausgangspunkt einer neuen künstlerischen Auseinandersetzung. Die historische Distanz ist dabei kein Widerspruch, sondern Teil des Konzepts: Die Frage, wie man sich eine andere Gesellschaft vorstellen kann, hat sich verändert – und ist zugleich wieder dringlich geworden.
Jüdische Erfahrung als Ausgangspunkt
Eine besondere Bedeutung erhält die Ausstellung durch die Perspektive der jüdischen Minderheit. Das Jüdische Museum Berlin verweist auf eine Geschichte, in der Menschen immer wieder mit unerträglichen Gegenwarten, Verfolgung und Ausschluss konfrontiert waren. Gerade aus dieser Erfahrung heraus gewinnt die Vorstellung einer anderen Zukunft eine besondere politische und kulturelle Dimension.
Mehrere der ausgestellten Arbeiten greifen deshalb auf jüdische Traditionen und Vorstellungen von Umkehr, Hoffnung und Erlösung zurück. Andere Künstlerinnen und Künstler untersuchen, wie utopisches Denken unter den Bedingungen heutiger Krisen funktionieren kann. Die Ausstellung verbindet damit historische Erfahrung und zeitgenössische Kunst, ohne eine einfache moralische oder politische Lösung anzubieten. JJüdisches Museum Berlin
Diese Offenheit ist entscheidend. „Das Gegenteil von Jetzt“ behauptet nicht zu wissen, wie die Zukunft aussehen wird. Die Ausstellung fragt vielmehr danach, welche geistigen, sozialen und individuellen Voraussetzungen notwendig sind, damit Zukunft überhaupt wieder als Möglichkeit erscheint.
Kunst als Versuch, bestehende Muster zu verlassen
Die zwölf Projekte nähern sich dieser Frage aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Yael Bartana untersucht in ihrer neuen Videoarbeit „The Birds“ Fragen von Gesellschaft und Vorstellungskraft. Ari Benjamin Meyers arbeitet mit einem Chor von Menschen über 90 Jahren und macht die fortgesetzte Probe selbst zu einem Bild für Erneuerung: immer wieder beginnen, immer wieder neu ansetzen.
William Forsythe wiederum beschäftigt sich mit der Möglichkeit, bestehende Bewegungsmuster zu durchbrechen. Seine choreografischen Anweisungen zeigen, dass ein Bruch mit Gewohntem verunsichern und sogar scheitern kann – und dennoch von jedem Einzelnen vollzogen werden kann. JJüdisches Museum Berlin
Andere Arbeiten führen weiter in politische und historische Räume. Die ukrainische Künstlerin Dana Kavelina, die russische Exilkünstlergruppe Chto Delat International sowie die israelischen Künstler Dor Zlekha Levy und Yael Bartana setzen sich mit der Funktion utopischen Denkens in einer von Krisen geprägten Gegenwart auseinander.
Eran Schaerf greift dagegen die Idee des Levantinismus der Schriftstellerin Jacqueline Kahanoff auf: ein Modell des Zusammenlebens von Mehrheiten und Minderheiten, das an verschiedenen Orten unterschiedliche Formen annehmen kann. Damit wird die Frage nach einer anderen Gegenwart auch zu einer Frage nach Zusammenleben, Vielfalt und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. JJüdisches Museum Berlin
Ein Jubiläum mit Blick nach vorn
Dass das Jüdische Museum Berlin diese Ausstellung gerade zu seinem 25-jährigen Bestehen zeigt, verleiht ihr zusätzliches Gewicht. Das Museum versteht sein Jubiläum nicht als Anlass für einen Rückblick allein, sondern als Möglichkeit, die eigene gesellschaftliche Aufgabe neu zu formulieren.
Direktorin Hetty Berg betont die Bedeutung künstlerischer Interventionen für gesellschaftliche Debatten. Das Museum wolle, ausgehend von der Erfahrung der jüdischen Minderheit, nach „einem besseren Leben für alle“ fragen. Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der zur heutigen Eröffnung ein Grußwort spricht, bezeichnete das JMB im Vorfeld als einen wichtigen Ort des Dialogs, der Begegnung und der Bildung. JJüdisches Museum Berlin
Kuratiert wird die Ausstellung von Julia Friedrich, Ausstellungs- und Sammlungsdirektorin des JMB, und Shelley Harten, Kuratorin für Kunst am Museum. Die zwölf Projekte wurden eigens für die Ausstellung entwickelt. Begleitet wird die Schau von Künstlergesprächen, Filmvorführungen, Buchclub-Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Performances und öffentlichen Führungen. Ein zweisprachiger Katalog in deutscher und englischer Sprache erscheint im September im Hirmer Verlag. JJüdisches Museum Berlin
Das Museum als Ort des Möglichen
„Das Gegenteil von Jetzt“ ist damit mehr als eine Ausstellung über Zukunft. Es ist ein Versuch, die Gegenwart selbst aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das Jüdische Museum Berlin macht die Vorstellungskraft zum Gegenstand einer künstlerischen Untersuchung – und erinnert daran, dass gesellschaftliche Veränderung nicht erst mit einer politischen Entscheidung beginnt, sondern bereits mit der Fähigkeit, sich eine andere Wirklichkeit vorstellen zu können.
In einer Zeit, in der politische und gesellschaftliche Debatten häufig von dem geprägt sind, was angeblich nicht mehr möglich ist, setzt das Museum bewusst einen anderen Akzent. Es fragt nicht zuerst danach, was ist, sondern danach, was sein könnte.
Vielleicht liegt genau darin die Aktualität dieser Jubiläumsausstellung: Das „Gegenteil von Jetzt“ ist kein fertiger Ort und keine konkrete Utopie. Es ist zunächst eine Öffnung. Eine Einladung, die Gegenwart nicht als unveränderlichen Zustand zu akzeptieren.
Und damit macht das Jüdische Museum Berlin ausgerechnet im Jubiläumsjahr eine der ältesten Aufgaben der Kunst wieder sichtbar: das Mögliche gegen das scheinbar Unvermeidliche zu verteidigen.
„Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart“
Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin
4. September 2026 bis 10. Januar 2027
Eröffnung: 3. September 2026, ab 18:30 Uhr
Eintritt zur Eröffnung frei. Jüdisches Museum Berlin
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