Der Wert derjenigen, die den Wert schufen

Die Durand-Ruel-Sammlung bei Christie’s und die Frage, wem die Geschichte des Impressionismus gehört

STRUKTUR + MARKTWERT

Ute Jens

9/23/20264 min lesen

Paul Durand-Ruel in seiner Galerie, 1910. Fotografie: Dornac (Paul Marsan) / Archives Durand-Ruel. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Wer im Oktober bei Christie’s auf ein Bild aus der Sammlung Durand-Ruel bietet, erwirbt mehr als ein Werk von Monet, Renoir oder Pissarro. Er erwirbt eine Herkunft, die sich kaum wirkungsvoller erzählen lässt: Das Bild blieb in jener Familie, deren Galerie seinen Künstler einst unterstützte, als dessen Zukunft noch ungewiss war. Christie’s bietet am 22. und 23. Oktober in Paris 62 Werke aus diesem Familienbesitz an und beziffert die Schätzung für die Sammlung auf 30 bis 43 Millionen Euro. Die Bilder werden vom 16. bis 22. Oktober öffentlich gezeigt. Noch bevor ein Gebot abgegeben wurde, ist damit eine zentrale Leistung des Auktionshauses vollzogen: Aus einer Familiengeschichte ist ein Ereignis des Kunstmarkts geworden.

Paul Durand-Ruel begegnete Monet und Pissarro 1871 in London. Der Krieg hatte sowohl den Pariser Händler als auch die beiden Maler dorthin geführt. Zurück in Frankreich kaufte er Werke einer Künstlergruppe, deren Malweise dem etablierten Publikum vielfach als unfertig erschien. Er stellte Bilder aus, gewährte Vorschüsse und band Kapital in einem großen Bestand, ohne zu wissen, wann sich dafür genügend Käufer finden würden. Das war ästhetische Überzeugung unter ökonomischen Bedingungen: Die Künstler brauchten Geld, der Händler brauchte Kredit und Käufer, und ein Bild musste lange genug im Umlauf bleiben, um überhaupt ein anderes Urteil über seine Qualität möglich zu machen.

In der Pariser Kunstwelt jener Jahre entschied der Salon weiterhin über Sichtbarkeit und Anerkennung; zugleich entstanden außerhalb seiner Verfahren neue Ausstellungsräume und Handelsbeziehungen. Die erste Ausstellung der Impressionisten fand 1874 in den ehemaligen Räumen des Fotografen Nadar statt, die zweite 1876 in Durand-Ruels Galerie an der Rue Le Peletier. Diese Abfolge ist wichtig. Der Händler erfand die künstlerische Bewegung nicht. Die Maler organisierten sich selbst und suchten eigene Wege zum Publikum. Durand-Ruel bot ihnen jedoch eine längerfristige Infrastruktur: Ankauf, finanzielle Unterstützung, Ausstellungen und Zugang zu Sammlern über Paris hinaus. Auch war er keineswegs der einzige Akteur in diesem Feld; Georges Petit wurde zu einem bedeutenden Konkurrenten im Handel mit moderner Malerei. Die Geschichte des Impressionismus lässt sich weder auf einen genialen Händler noch auf Künstler reduzieren, die unabhängig von den Bedingungen ihrer Arbeit erfolgreich wurden.

Durand-Ruels entscheidender Schritt bestand darin, Nachfrage nicht einfach abzuwarten. Er musste ein Publikum für Bilder finden, deren Maßstäbe dieses Publikum erst erlernen sollte. Seine Ausstellung in New York 1886 öffnete den Impressionisten einen amerikanischen Markt; die Galerie baute ihre internationalen Verbindungen weiter aus. Aus heutiger Sicht erscheint das als frühes Modell des globalen Kunsthandels. Damals war es auch eine Antwort auf ein konkretes Problem: In Frankreich allein ließen sich die angekauften Werke nicht schnell genug absetzen. Die bewunderte Beharrlichkeit des Händlers und sein geschäftliches Interesse gehören zu derselben Geschichte. Wer das eine gegen das andere ausspielt, versteht weder seine Leistung noch das Risiko, das er einging.

Die bevorstehende Auktion zeigt, wie weit diese Leistung inzwischen in den Wert einzelner Bilder eingegangen ist. Monets Bord des falaises à Pourville von 1882, mit elf bis fünfzehn Millionen Euro das höchstbewertete Werk der angekündigten Sammlung, ist dafür das deutlichste Beispiel. Das Gemälde hält einen Blick auf die normannische Küste fest, in dem Meer, Klippen und Himmel unter wechselndem Licht ineinandergreifen. Sein Platz in dieser Auktion beruht aber ebenso auf einer überprüfbaren Biografie: Es blieb seit Durand-Ruels Erwerb in der Familie und war 1905 in einer Londoner Ausstellung vertreten, mit der der Händler dem Impressionismus ein größeres internationales Publikum erschloss. Die Provenienz liefert hier historische Auskunft. Christie’s macht sie zugleich zu einem Verkaufsargument.

Daran ist zunächst nichts Anrüchiges. Ohne Herkunftsforschung wüssten wir weniger über die Wege der Bilder und die Beziehungen zwischen Künstlern, Händlern und Sammlern. Problematisch wird es, wenn die Erzählung der Provenienz die Betrachtung des einzelnen Werks ersetzt. Der Name Durand-Ruel adelt nicht jede spätere Arbeit, die seine Nachkommen erwarben, im gleichen Maße; die angebotenen Werke stammen aus unterschiedlichen Generationen der Familie und aus verschiedenen Momenten ihrer Galeriegeschichte. Ein Bild kann ein hervorragendes Dokument dieser Geschichte sein und dennoch künstlerisch weniger überzeugend als das Werk daneben. Wer die Sammlung ernst nimmt, muss diese Unterschiede sehen dürfen, statt alle Lose unter dem Glanz eines einzigen Familiennamens zu vereinheitlichen.

Auch die Vorstellung einer bis heute unberührten Familiensammlung wäre irreführend. Nachkommen Durand-Ruels haben bereits früher Werke veräußert; neu an der Christie’s-Offerte ist diese konkrete Gruppe von Bildern, die seit ihrem Erwerb durch Paul Durand-Ruel oder seine Erben innerhalb der Familie blieb. Das schmälert ihre Bedeutung nicht. Es präzisiert sie. Denn „aus Familienbesitz“ bezeichnet eine nachvollziehbare Eigentumsgeschichte, keinen Zustand außerhalb des Marktes. Dass einzelne Werke nun neue Besitzer finden werden, ist ein weiterer Abschnitt dieser Geschichte, nicht ihr plötzlicher Bruch.

Besonders aufschlussreich ist, dass Christie’s in Paris nicht allein um diese Deutung wirbt. Sotheby’s versteigert am selben 22. Oktober die Sammlung Jeanne Schlumberger, deren herausragendes Los ein später Monet ist: Iris von 1924/25, geschätzt auf 22 bis 30 Millionen Euro. In dessen Provenienz spielt die Galeristin Katia Granoff eine wesentliche Rolle. So stehen zwei Bilder desselben Malers für unterschiedliche Kapitel seiner Rezeption: bei Christie’s ein Monet aus der Zeit, in der sich für die Impressionisten erst ein tragfähiger Markt bildete; bei Sotheby’s ein später Monet, dessen Wert mit einer späteren Neubewertung seines Werks verbunden ist. Beide Häuser verkaufen Gemälde und erzählen zugleich, wer sie zur richtigen Zeit erkannt hat. Das ist kein nebensächliches Beiwerk des Preises. Es gehört zu den Mitteln, mit denen ein Preis plausibel gemacht wird.

Der Zuschlag im Oktober wird zeigen, wie Käufer diese Werke bewerten. Er wird keine Messzahl dafür liefern, wie viel von Monets Preis auf Malerei und wie viel auf Provenienz entfällt. Beides lässt sich nicht sauber voneinander abziehen: Das Bild hat eine Form, eine Geschichte und eine Stellung innerhalb eines Marktes, der über Generationen entstanden ist. Gerade deshalb verdient die Durand-Ruel-Auktion mehr Aufmerksamkeit als eine Liste ihrer höchsten Gebote. Hier verkauft der Kunstmarkt Werke aus dem Besitz einer Familie, die an seiner eigenen Entstehung mitgewirkt hat. Die kritische Frage lautet, ob wir in der glänzend präsentierten Herkunft noch die damalige Unsicherheit erkennen: die Jahre, in denen niemand garantieren konnte, dass diese Bilder je begehrt sein würden.

Christie’s, „Durand-Ruel. Generations of Vision“, Paris: öffentliche Besichtigung 16.–22. Oktober 2026; Auktion am 22. Oktober, weitere Werke in der Auktion „Art Moderne“ am 23. Oktober.

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