Die Avantgarde auf dem Lehrplan

Die Wiener Akademie untersucht das Verhältnis von künstlerischem Aufbruch und institutioneller Autorität

AKTUELL

10/2/20262 min lesen

Martin Ferdinand Quadal, Der Aktsaal der Wiener Akademie im St. Anna-Gebäude, 1787. Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien. Kunst als gemeinsame Arbeit unter institutionellen Bedingungen. Reproduktion: Wikimedia Commons, gemeinfrei (PD-Art).

DOKUNST

An der Wiener Akademie beginnt heute eine Ausstellung, deren eigentlicher Gegenstand auch die veranstaltende Institution selbst ist. „Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus“, kuratiert von Helmut Draxler, öffnet am 2. Oktober in der Gemäldegalerie. Anlass ist der 300. Jahrestag der von Jacob van Schuppen 1726 ausgearbeiteten Statuten; in fünfzehn Kapiteln verfolgt die Schau das Verhältnis zwischen akademischer Ordnung und ihren Widersachern. Mich interessiert daran vor allem eine Zumutung, die im Titel noch nicht ausgesprochen wird: Eine Kunsthochschule soll Eigenständigkeit ermöglichen und muss zugleich auswählen, beurteilen und festlegen, welche Formen dieser Eigenständigkeit sie anerkennt. Wer dort lernt, begegnet beidem, dem Versprechen der Freiheit und den Bedingungen ihrer Anerkennung.

Das Gemälde, das diesen Beitrag begleitet, führt mitten in das Problem. Martin Ferdinand Quadals „Der Aktsaal der Wiener Akademie im St. Anna-Gebäude“ von 1787, auch in den Ausstellungsmaterialien vertreten, zeigt Kunst als gemeinsame Arbeit in einem geordneten Lehrraum. Eine solche Ordnung kann das Sehen schulen; sie kann aber auch bestimmen, was überhaupt als sehenswert gilt. Draxlers Konzept setzt hier historisch tiefer an: bei Giorgio Vasari, dessen Ideal des autonomen Künstlers mit seiner Tätigkeit im Dienst fürstlicher Macht zusammenfiel. Diese Spannung verdient Aufmerksamkeit, weil sie die bequeme Erzählung vom freien Genie und der bloß hinderlichen Institution stört. Künstlerische Unabhängigkeit wird durch Ausbildung, Zugang und Förderung mit ermöglicht. Gerade deshalb lohnt es sich, deren Regeln zu prüfen.

Besonders aufschlussreich erscheint mir die angekündigte Beschäftigung mit der Kopie. Die Ausstellung verbindet historische Lehrpraktiken mit zeitgenössischer Aneignung und Reenactment. Derselbe Vorgang kann als unselbständige Übung oder als anspruchsvolle künstlerische Entscheidung gelten. Entscheidend ist offenbar auch, wer ihn ausführt, in welchem Zusammenhang er erscheint und wer ihm Bedeutung zuspricht. Hier berührt die akademische Frage den Kunstmarkt: Institutionelle Anerkennung setzt keinen Preis fest, kann jedoch beeinflussen, welche Arbeiten überhaupt die Aufmerksamkeit von Galerien und Sammlern erreichen.

Eine Akademie, die ihre eigenen Voraussetzungen untersucht, verdient zunächst Interesse. Mein Vorbehalt beginnt dort, wo aus jeder historischen Opposition nachträglich ein Beleg für die Erneuerungsfähigkeit der Institution wird. Dann hätte selbst der Widerspruch seinen vorgesehenen Platz. An diesem Anspruch wird sich die Wiener Schau messen lassen müssen: ob sie auch jene Ausschlüsse sichtbar macht, die sich nicht durch die Erfolgsgeschichte später anerkannter Rebellen erledigen. Die schwierigste Frage betrifft schließlich die Gegenwart: Welche künstlerische Eigenständigkeit bleibt heute ohne Anerkennung, weil sie den Erwartungen derjenigen widerspricht, die über Zugang entscheiden?

Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus
2. Oktober 2026–22. August 2027
Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Schillerplatz 3, 1010 Wien
Kurator: Helmut Draxler; kuratorische Beiträge von Claudia Koch und Hans-Jürgen Hafner.

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