Die Bilder bleiben. Aber bleibt auch ihre Welt?

Ein neuer Dokumentarfilm begleitet Sara Flores von der peruanischen Amazonasregion bis in die internationale Kunstwelt. Ihr später Erfolg erzählt jedoch nicht nur von Anerkennung, sondern von einem grundlegenden Widerspruch: Während das Kené heute in Museen und Sammlungen bewahrt wird, gerät die Lebenswelt, aus der es hervorgegangen ist, zunehmend unter Druck.

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9/15/20262 min lesen

Sara Flores, Kené auf Textil. Foto: Simone Liliane / CC0 1.0 (via Wikimedia Commons).

DOKUNST Redaktion

Mit 76 Jahren befindet sich Sara Flores an einem Punkt ihrer Biografie, den der internationale Kunstbetrieb gewöhnlich als Erfolgsgeschichte erzählt. Die Shipibo-Konibo-Künstlerin vertritt derzeit Peru auf der 61. Biennale di Venezia, stellte bei White Cube in London, Paris und New York aus und war 2025 Gegenstand der ersten Einzelausstellung einer indigenen Künstlerin im Museo de Arte de Lima. Nun hat beim Toronto International Film Festival der Dokumentarfilm The Hummingbird Paints Fragrant Songs von Èlia Gasull Balada und Matteo Norzi Weltpremiere gefeiert. Er begleitet Flores zwischen Amazonasgebiet, Ausstellungen und internationalem Kunstbetrieb, ohne ihre Geschichte auf die vertraute Erzählung von der lange übersehenen Künstlerin zu reduzieren, die endlich entdeckt wurde.

Denn was heute in Museen und Galerien als Werk von Sara Flores erscheint, gehört zugleich zu einem wesentlich älteren Wissenszusammenhang: dem kené, dem komplexen visuellen System der Shipibo-Konibo, dessen geometrische Strukturen über Generationen matrilinear weitergegeben wurden und das für Flores nicht Ornament, sondern Ausdruck einer Weltordnung ist. Ihre Linien entstehen freihändig auf wildem Baumwollstoff, mit Pigmenten aus Blättern, Rinden, Beeren und anderen Materialien des Amazonas. Dass diese Bilder inzwischen im Metropolitan Museum of Art angekommen sind, verändert ihren institutionellen Status. Es erklärt noch nicht, was mit ihnen angekommen ist.

Genau hier wird die Geschichte komplizierter. Flores arbeitet mit ihren Töchtern und Enkelinnen; ihr Wissen ist individuell und zugleich überliefert, ihre Autorschaft persönlich und dennoch Teil einer kollektiven Tradition. Bereits 1976 war sie Mitbegründerin von Maroti Shobo, der ersten Frauenkooperative der Shipibo, und heute fließen Erlöse ihrer Kunst nicht allein an ihre Familie, sondern auch in Organisationen, die für indigene Selbstbestimmung und den Schutz des Territoriums eintreten. Gleichzeitig hat derselbe globale Kunstbetrieb, der diese kulturelle Herkunft inzwischen mit großer Aufmerksamkeit würdigt, Flores bis in die Welt des Luxus geführt: Für Dior übertrug sie ihre Bildsprache auf eine limitierte Ausgabe der Lady Dior. Man kann darin kulturelle Sichtbarkeit erkennen oder Kommerzialisierung; vermutlich wäre beides als alleinige Antwort zu einfach. Entscheidender ist, dass Flores selbst die internationale Zirkulation ihrer Arbeit als politisches Instrument versteht. Der Film zeigt sie deshalb nicht nur bei Vernissagen, sondern auch an der Seite indigener Wächter, die das Amazonasgebiet gegen illegale Abholzung und Eindringen in ihr Territorium schützen. Das verändert die Frage grundlegend: Nicht ob ein traditionelles Bild in eine Galerie gelangen darf, sondern was mit seiner Bedeutung geschieht, wenn es dort ankommt.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Paradox dieses späten Erfolgs. Die internationale Kunstwelt ist inzwischen hervorragend darin geworden, kulturelle Formen aufzunehmen, die sie lange an ihre Ränder verwiesen hatte. Sie kann kené sammeln, ausstellen, wissenschaftlich kontextualisieren und in den Kanon des zeitgenössischen Kunstbegriffs einschreiben. Schwieriger ist die Frage, ob diese Anerkennung auch jene Welt schützen kann, die das Werk überhaupt erst hervorgebracht hat. Auf der Biennale beschreibt der peruanische Pavillon Flores’ Arbeiten ausdrücklich als Verbindung zwischen ancestralem Wissen und nachhaltigen Zukünften; im Film dagegen erscheint die Bedrohung sehr gegenwärtig: Entwaldung, illegale Holzgewinnung und der zunehmende Druck auf den Lebensraum der Shipibo-Konibo. Hinzu kommt eine intimere Vergänglichkeit. Flores’ Hände beginnen unter Krämpfen und dem Alter zu leiden, während gerade die minutiöse Präzision dieser Hände das kené über Jahrzehnte getragen hat. Ihre Töchter und Enkelinnen setzen die Arbeit fort. Vielleicht ist das die entscheidende Perspektive, die The Hummingbird Paints Fragrant Songs eröffnet: Eine Kultur ist nicht gerettet, nur weil ihre Bilder im Museum angekommen sind. Bewahrt ist sie erst dann, wenn auch die Bedingungen weiterbestehen können, unter denen diese Bilder noch etwas bedeuten.

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