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Die Hierarchie des Vertrauens
De Koonings Londoner Rekord zeigt, wie selektiv der Kunstmarkt Geld mobilisiert. Entscheidend ist dabei, wer Unsicherheit verringern kann – und zu welchem Preis.
STRUKTUR + MARKTWERT
Hans Struberger
10/16/20265 min lesen


Zwei Mitarbeiter in weißen Handschuhen halten ein Gemälde, darunter steht die Nachricht vom Rekord. Sotheby’s weiß, wie man einen Preis ins Bild setzt. Willem de Koonings Untitled von 1977 erzielte am 15. Oktober in London rund 9,8 Millionen Pfund einschließlich Aufgeld: den höchsten bislang bei einer europäischen Auktion für den Künstler gezahlten Betrag. Die geografische Einschränkung gehört zur Nachricht. Sie macht den Erfolg keineswegs belanglos, bewahrt ihn aber vor einer Überdehnung. Wer darin bereits die Rückkehr eines allgemein entfesselten Kunstmarktes erkennt, verlangt von einem einzelnen Bild mehr, als selbst ein de Kooning leisten kann.
Mich interessiert an diesem Ergebnis zunächst seine Gleichzeitigkeit mit Zurückhaltung. Ein Markt kann Millionen mobilisieren und dennoch zögerlich sein. Er kann einzelne Werke entschieden begehren, während er andere Arbeiten desselben Ranges liegen lässt. Das ist mehr als eine vorübergehende Stimmung. Es führt zu einer Frage, die hinter der üblichen Suche nach den nächsten Gewinnern verschwindet: Welche Art von Sicherheit muss ein Werk heute anbieten, damit jemand bereit ist, auf Liquidität zu verzichten?
Die Weltwirtschaft liefert dafür keinen einheitlichen Hintergrund. Der Internationale Währungsfonds beschreibt in seinem Oktober-Ausblick eine widerstandsfähige, aber zunehmend ungleiche Entwicklung; Energiepreise, Handelskonflikte und Finanzierungsrisiken belasten die Perspektiven. Diese Faktoren lassen sich nicht unmittelbar in Gebote übersetzen. Sie verändern jedoch die Bedingungen, unter denen gekauft, gelagert, transportiert und finanziert wird. Wer Mittel langfristig in einem Gemälde bindet, muss Alternativen abwägen. Zinstragende Anlagen bieten einen laufenden Ertrag; ein Bild verlangt zunächst Ausgaben. Sein möglicher finanzieller Gewinn hängt von einem künftigen Käufer ab. Gerade deshalb wäre es fahrlässig, aus diesem Londoner Ergebnis eine neue Bestätigung für Kunst als verlässlichen Inflationsschutz abzuleiten.
Für sehr vermögende Käufer kann die Rechnung dennoch anders aussehen. Sie müssen nicht jeden Erwerb durch eine erwartete Rendite rechtfertigen. Ein Werk kann eine Sammlung vervollständigen, einen biografischen Wunsch erfüllen oder die Stellung des Sammlers innerhalb eines kulturellen Milieus verändern. Soziologisch betrachtet ist das keine Randerscheinung des Geschäfts. Es gehört zu dessen Funktionsweise. Der Preis bezahlt auch die Möglichkeit, sich mit einer bestimmten Geschichte zu verbinden und von anderen als deren kundiger Teilnehmer anerkannt zu werden.
De Kooning besitzt dafür eine besondere Voraussetzung: Über seine kunsthistorische Bedeutung muss bei jedem Verkauf nicht von vorn verhandelt werden. Jahrzehnte der Forschung, der Ausstellungen und des Sammelns haben einen gemeinsamen Bezugspunkt geschaffen. In Bourdieus Begriffen lässt sich hier die Konvertierbarkeit kulturellen und symbolischen Kapitals in ökonomischen Wert beobachten. Allerdings wäre die Erklärung zu bequem, wenn sie die Malerei selbst verschwinden ließe. In Untitled drängen sich Gelb, Rosa, Weiß und blaue Setzungen ineinander; Körperliches scheint auf und entzieht sich wieder. Diese bewegliche Bildordnung ist keine austauschbare Verpackung eines berühmten Namens. Die Institutionen haben de Koonings Bedeutung mit hervorgebracht und vermittelt. Sie haben das Bild nicht an seiner Stelle gemalt.
Auch innerhalb dieses abgesicherten historischen Rahmens bleibt der einzelne Verkauf erklärungsbedürftig. Der Katalog weist das Gemälde als garantiert und mit einem unwiderruflichen Gebot versehen aus. Ein Teil des Risikos war damit bereits vor der öffentlichen Versteigerung vertraglich geordnet. Daraus folgt weder, dass der Preis künstlich sei, noch, dass sich die Nachfrage vollständig am offenen Wettbewerb des Abends ablesen ließe. Garantien können wichtige Einlieferungen überhaupt erst ermöglichen. Zugleich machen sie deutlich, wie viel Verhandlung der scheinbar spontanen Preisfindung vorausgehen kann. Wer über Marktvertrauen schreibt, muss auch über dessen Herstellung sprechen.
Für die Behauptung eines dauerhaft steigenden Künstlerwerts reicht ein solcher Verkauf ohnehin nicht aus. Dazu müsste man vergleichbare Arbeiten über längere Zeiträume betrachten, unverkaufte Lose mit einbeziehen und zwischen Zuschlag und Endpreis unterscheiden. Ein neuer Höchstwert für eine Region ist kein Preisindex. Ebenso wenig ist die Differenz zweier öffentlich bekannter Verkaufspreise bereits die Rendite des Eigentümers: Aufgelder, Verkaufsgebühren, Versicherungs- und Finanzierungskosten sowie die Inflation verändern die Rechnung. Dass ein Werk teuer verkauft wird, ist eine Tatsache. Ob sein Besitz wirtschaftlich erfolgreich war, ist eine andere Untersuchung.
Die Londoner Auktion selbst widerspricht der Vorstellung, große Namen könnten diese Unterschiede aufheben. Neben dem de Kooning-Ergebnis standen unter anderem ein unverkauftes Blatt von Georg Baselitz und eine Arbeit von Yayoi Kusama, die deutlich unter ihrer Schätzung blieb. Das erlaubt keine pauschale Diagnose über deren Märkte. Es zeigt vielmehr, wie wenig ein Künstlername allein erklärt. Werkgruppe, Format, Zustand, Provenienz, Preisansatz und die bereits in einer Sammlung vorhandenen Arbeiten können die Entscheidung verändern. Die Rede vom „sicheren Namen“ unterschätzt die Urteilskraft der Käufer – und überschätzt die Übertragbarkeit eines Erfolgs.
Der größere Zusammenhang ist ebenso widersprüchlich. Der von Clare McAndrew verfasste Art Basel and UBS Global Art Market Report 2026 beziffert den weltweiten Umsatz für 2025 auf 59,6 Milliarden Dollar, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Öffentliche Auktionen legten um neun Prozent zu, der Handel um zwei Prozent. Bemerkenswert ist jedoch ein Befund unterhalb dieser Gesamtsummen: Händler mit weniger als 500.000 Dollar Jahresumsatz verzeichneten im Durchschnitt zweistellige Zuwächse; in der Gruppe zwischen einer und zehn Millionen Dollar ging der Umsatz leicht zurück. Die Betriebskosten des Handels stiegen im Mittel um fünf Prozent. Eine Analyse, die ausschließlich die Stärke der Spitze und das Leiden der kleinen Galerien behauptet, würde diese Unterschiede verfehlen.
Gerade hier liegt die strukturelle Brisanz. Eine kleinere Galerie kann mit überschaubaren Fixkosten und einem verbindlichen Sammlerkreis beweglicher sein als ein Unternehmen, das Personal, internationale Präsenz und ein anspruchsvolles Ausstellungsprogramm gleichzeitig finanzieren muss. Das ist keine allgemeine Überlebensgarantie für kleine Betriebe, sondern eine mögliche Erklärung für unterschiedliche Ergebnisse. Größe schafft Zugang und Reichweite; sie erzeugt auch Verpflichtungen. In einem vorsichtigeren Markt wird entscheidend, wie viel Umsatz nötig ist, um die eigene Vermittlungsarbeit fortsetzen zu können.
Dass wieder stärker persönlich gekauft wird, erhält vor diesem Hintergrund ein anderes Gewicht. Dem Bericht zufolge entfielen 2025 insgesamt 35 Prozent des Händlerumsatzes auf Messeverkäufe, nach 31 Prozent im Vorjahr. Messen leisten dabei etwas, das ein digitaler Katalog nur begrenzt ersetzen kann: Sie bringen Vergleich, Gespräch und unmittelbare Anschauung zusammen. Das kann Unsicherheit verringern. Eine größere Umsatzbedeutung beweist freilich noch keine bessere Rentabilität für die Aussteller. Stand, Transport, Reise und Vorbereitung müssen erst verdient werden. Der anspruchsvolle Maßstab für eine internationale Messe lautet deshalb, ob sie Beziehungen ermöglicht, deren wirtschaftliche und intellektuelle Tragfähigkeit über die Messetage hinausreicht. Dazu gehören Wiederkäufe ebenso wie die Bereitschaft, sich auf ein noch nicht abschließend bewertetes Werk einzulassen.
Diese Bereitschaft ist keineswegs verschwunden. Einen Tag vor Sotheby’s verkaufte Christie’s Liubov Popovas Painterly Architectonic von 1918 für 7,64 Millionen Pfund und setzte damit einen neuen Auktionsrekord für die Künstlerin. Der Fall erschwert die bequeme Erzählung vom bloßen Rückzug in unveränderte Hierarchien. Historische Anerkennung kann sich verschieben; ein Markt kann solche Verschiebungen aufnehmen und finanziell verstärken. Ob er damit eine nachhaltige Neubewertung trägt oder zunächst nur ein besonders seltenes Werk belohnt, entscheidet sich erst in der Folge. Gerade diese Offenheit macht den Fall interessant.
Ich würde de Koonings Londoner Rekord deshalb als einen präzisen, begrenzten Erfolg lesen. Er zeigt, dass für ein bestimmtes Werk unter bestimmten Bedingungen erhebliches Kapital verfügbar war. Die weiterführende Frage betrifft die Beweglichkeit dieses Vertrauens: Kann es auch dort entstehen, wo noch kein jahrzehntelanger Konsens vorliegt? Ein Markt braucht gemeinsame Maßstäbe, sonst wird jede Preisforderung beliebig. Er braucht aber ebenso Akteure, die einen Maßstab verändern können, ohne schon auf dessen Bestätigung zu warten. Seine eigentliche Stärke zeigt sich darin, ob er sich ein begründetes Urteil leisten kann, bevor es die Sicherheit eines Rekords besitzt.
Sotheby’s in der New Bond Street, London, 2006. Foto: Claus Hoppe / Wikimedia Commons, CC BY 2.5.
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