Dresden, die Stadt nach dem Bild

Über Erinnerung, Rekonstruktion und die schwierige Kunst, eine verlorene Stadt neu zu sehen

DOSSIERS

Rüdiger Steinhardt

5/18/20265 min lesen

Dresden, Frauenkirche und Neumarkt, historische Aufnahme. Ein Stadtbild vor der Zerstörung von 1945. Gemeinfrei.

Es gibt Städte, die man besucht, und es gibt Städte, die man zunächst aus Bildern kennt. Dresden gehört für mich zu den zweiten. Vielleicht liegt das daran, dass kaum eine deutsche Stadt so stark mit einem bestimmten Bild von sich selbst verbunden ist: die Kuppel der Frauenkirche, die Brühlsche Terrasse, die Elbe, die Türme der Altstadt, das barocke Gefüge, die Silhouette, die Canaletto einst gemalt hat und die sich bis heute in unzähligen Fotografien und Vorstellungen wiederholt.

Wenn man heute am Neumarkt steht, kann man deshalb leicht glauben, diese Stadt sei einfach zurückgekehrt. Aber genau hier beginnt für mich die interessantere Frage: Ist eine Stadt noch dieselbe Stadt, wenn ihr Bild zurückkehrt, nachdem die Stadt selbst verschwunden war?

Dresden hat diese Frage nicht abstrakt gestellt, sondern buchstäblich aus den Trümmern heraus. Nach der Zerstörung von 1945 blieb von großen Teilen der historischen Innenstadt nur wenig erhalten. Die Ruine der Frauenkirche wurde zunächst nicht beseitigt, sondern blieb als sichtbares Zeichen der Zerstörung stehen. Erst Jahrzehnte später entstand aus der Bürgerschaft heraus erneut der Wunsch nach einem Wiederaufbau. 1990, unmittelbar nach dem politischen Umbruch, wurde mit dem „Ruf aus Dresden“ der entscheidende Impuls für den historisch getreuen Wiederaufbau gegeben; 1994 begann die eigentliche Wiedererrichtung, 2005 wurde die Frauenkirche wieder eröffnet.

Ich finde diesen Vorgang bis heute bemerkenswert, gerade weil er sich nicht vollständig in die üblichen Kategorien von Denkmalpflege und Stadtplanung einordnen lässt. Die Frauenkirche wurde nicht einfach neu gebaut. Die Ruine wurde zunächst vermessen, dokumentiert und archäologisch untersucht; zahlreiche originale Steine konnten geborgen und an ihre ursprünglichen Positionen zurückgeführt werden. Historische Pläne und Fotografien halfen dabei, die verlorene Geometrie des Gebäudes wiederzugewinnen, während moderne Ingenieurtechnik notwendig war, um das Bauwerk unter heutigen Bedingungen überhaupt wieder errichten zu können. Das Neue entstand also nicht anstelle des Alten, sondern aus einem komplizierten Gespräch mit ihm.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich Dresden stärker beschäftigt als manche andere Stadt. Hier kann man nämlich sehr deutlich sehen, dass Rekonstruktion niemals nur eine Frage des Aussehens ist. Sie ist immer auch eine Frage dessen, was eine Gesellschaft von ihrer Vergangenheit wissen, bewahren oder wieder sichtbar machen möchte. Der Wiederaufbau der Frauenkirche wurde zu einem Symbol der Versöhnung, weit über Dresden hinaus. Gleichzeitig hat die Rekonstruktion des Neumarkts eine Debatte ausgelöst, die bis heute nicht abgeschlossen ist: Wie historisch darf eine neue Stadt aussehen? Wann wird Erinnerung zur Kulisse? Und wann kann eine Rekonstruktion tatsächlich wieder Urbanität herstellen?

Ich würde deshalb den häufig verwendeten Gegensatz zwischen „historisch“ und „modern“ gern etwas vorsichtiger behandeln. Er hilft uns nur bedingt. Auch ein rekonstruierter Bau ist ein Gebäude der Gegenwart. Er erfüllt heutige Anforderungen, wird mit heutigen Materialien und Techniken errichtet und von Menschen benutzt, die nicht mehr in der Welt seiner ursprünglichen Bewohner leben. Umgekehrt ist ein moderner Bau nicht automatisch geschichtslos. Er beginnt seine eigene Geschichte in dem Moment, in dem er gebaut wird. Die eigentliche Frage lautet für mich daher nicht: Wie viel Vergangenheit darf Architektur enthalten? Sondern: Wie bewusst geht sie mit der Vergangenheit um, die an diesem Ort bereits vorhanden ist?

Das ist am Dresdner Neumarkt besonders gut zu beobachten. Die Stadt hat sich dort bewusst für kleinteilige Strukturen, historische Raumfolgen und die Rekonstruktion ausgewählter Leitbauten und Fassaden entschieden. Das städtebauliche Konzept sollte die Maßstäblichkeit und Vielgestaltigkeit der früheren Bürgerhausquartiere wieder aufnehmen. Zugleich sind diese Häuser keine einfachen Zeitmaschinen. Hinter historischen Fassaden liegen heutige Grundrisse, heutige Haustechnik, heutige Nutzungen und heutige ökonomische Bedingungen.

Gerade diese Gleichzeitigkeit interessiert mich. Dresden zeigt uns eine Vergangenheit, die nicht mehr existiert, aber dennoch wieder gebaut werden kann. Und damit entsteht eine merkwürdige Situation: Wir betrachten etwas, das historisch aussieht, obwohl es teilweise aus unserer eigenen Gegenwart stammt. Ist das Täuschung? Ich glaube nicht. Aber es ist eine Konstruktion, und wir sollten den Mut haben, das auch so zu benennen.

Denn jede Rekonstruktion erzählt nicht nur davon, wie etwas gewesen ist. Sie erzählt ebenso davon, wie wir es heute sehen möchten.

Das macht die Sache für eine Kunst- und Kulturstadt wie Dresden besonders interessant. Denn Dresden hat seine Geschichte nie nur gebaut, sondern auch dargestellt. In den Sammlungen, in Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Veduten wurde die Stadt über Jahrhunderte immer wieder zum Bild ihrer selbst. Canaletto malte Dresden nicht einfach ab; er schuf eine Vorstellung von Dresden, die unser Sehen bis heute beeinflusst. Wenn wir heute auf die rekonstruierte Stadt blicken, sehen wir deshalb möglicherweise nicht nur die Stadt von früher. Wir sehen auch die Bilder, die von ihr geblieben sind, und die Vorstellungen, die sich daraus entwickelt haben.

Vielleicht ist Dresden deshalb eine Stadt nach dem Bild. Nicht nach einem einzigen Bild, sondern nach vielen Bildern, die sich übereinandergelegt haben: die barocke Stadt, die zerstörte Stadt, die sozialistische Stadt, die wiedervereinigte Stadt und die heutige Kulturstadt. Keine dieser Schichten lässt sich vollständig auslöschen, auch wenn manche von ihnen im Stadtbild sichtbarer sind als andere.

Das ist für mich auch der Punkt, an dem die Geschichte der Rekonstruktion politisch wird, ohne dass sie deshalb parteipolitisch sein muss. Welche Vergangenheit sichtbar gemacht wird, ist niemals völlig neutral. Die Entscheidung für eine rekonstruierte Fassade ist ebenso eine Entscheidung wie die Entscheidung für einen modernen Bau. Die eine sagt: Dieses Bild gehört zu uns. Die andere kann sagen: Wir wollen zeigen, dass wir nicht mehr dieselben sind. Beides sind legitime Positionen. Problematisch wird es erst, wenn eine Stadt glaubt, sie müsse sich für nur eine davon entscheiden.

Vielleicht sollten wir Dresden deshalb nicht als wiederhergestellte Stadt betrachten, sondern als Stadt der Überlagerungen. Die Frauenkirche ist zugleich barockes Bauwerk, Kriegsruine, DDR-Gedächtnisort, Rekonstruktion und europäisches Symbol. Der Neumarkt ist zugleich historischer Stadtgrundriss, zerstörter Ort, städtebauliches Experiment und gegenwärtiger öffentlicher Raum. Seine Bedeutung liegt gerade darin, dass diese verschiedenen Zeiten nicht sauber voneinander getrennt werden können.

Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir diese Widersprüche nicht glätten. Eine Stadt muss ihre Geschichte nicht vereinfachen, um sie sichtbar zu machen. Vielleicht ist sogar das Gegenteil richtig: Je mehr wir die Brüche zulassen, desto glaubwürdiger wird das Bild, das eine Stadt von sich selbst vermittelt.

Dresden hat etwas zurückgewonnen, das lange verloren schien. Das ist keine Kleinigkeit. Aber die eigentliche kulturelle Leistung liegt für mich nicht darin, eine möglichst perfekte Kopie der Vergangenheit herzustellen. Sie liegt darin, aus der Vergangenheit einen Ort zu schaffen, an dem Gegenwart stattfinden kann.

Denn eine Stadt ist kein Gemälde, das man restauriert und anschließend wieder an die Wand hängt.

Eine Stadt lebt. Sie verändert ihr Gesicht, aber sie verliert dadurch nicht zwangsläufig ihre Identität. Vielleicht besteht ihre Identität gerade darin, dass sie immer wieder entscheiden muss, was von ihr bleiben soll.

Wenn ich heute am Neumarkt stehe, sehe ich deshalb nicht einfach das alte Dresden. Ich sehe ein Dresden, das sich selbst betrachtet. Eine Stadt, die versucht, sich nach ihren eigenen Bildern wiederzuerkennen und dabei unweigerlich ein neues Bild von sich erzeugt.

Vielleicht ist das die eigentliche Schönheit der Rekonstruktion: Nicht, dass sie die Vergangenheit zurückbringt, sondern dass sie uns zwingt, darüber nachzudenken, was wir überhaupt meinen, wenn wir sagen: Das war einmal unsere Stadt.

Ruine der Frauenkirche, Dresden, 1945. Nach der Zerstörung der Dresdner Innenstadt. Gemeinfrei.

Dresden, Neumarkt mit Frauenkirche, 2019. Das rekonstruierte Stadtbild der Gegenwart. CC0 / gemeinfrei.

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