Eine Giraffe verändert den Blick

„Goldfischglastheorien“ in der Alten Handelsschule: Sechs künstlerische Positionen und eine Hängung, die Unterschiede produktiv macht.

AKTUELL

DOKUNST

10/3/20263 min lesen

Susu Gorth, Geraffe, 2026. Schaumstoff, Bambusstäbe, Fahrradschlauch, Hasendraht; laut Katalog unverkäuflich. Ausstellungsansicht „Goldfischglastheorien“, Kunstraum ars avanti, Alte Handelsschule. Foto: DOKUNST

Zunächst zieht eine Giraffe den Blick auf sich. Susu Gorths Geraffe (2026) steht im hohen Ausstellungsraum der Alten Handelsschule, vor Rundbogenfenstern, die ihrem langen Hals einen beinahe architektonischen Maßstab geben. Aus Schaumstoff, Bambusstäben, Fahrradschlauch und Hasendraht entsteht ein Tierkörper, dessen Oberfläche sich in Würfel, Schlaufen und herabhängende Streifen auflöst. Ich fand gerade diesen Wechsel zwischen sofortigem Erkennen und genauerem Hinsehen überzeugend: Aus der Entfernung steht da ein Tier; aus der Nähe wird seine Gestalt zu einer Vielzahl von Einzelteilen. Morgen endet bei ars avanti die Ausstellung „Goldfischglastheorien“, die Arbeiten von Silke Bachmann, Louise Bauer, Susu Gorth, Florian Haller, Hanne Kroll und Kerstin Skringer aus Leipzig und München zusammenführt. Ihr Ertrag liegt für mich vor allem darin, wie diese unterschiedlichen Arbeiten einander im Raum zu lesen geben.

Der Titel greift ein Gleichnis aus Stephen Hawkings und Leonard Mlodinows Der große Entwurf auf: Ein Goldfisch nimmt die Außenwelt durch die gekrümmte Scheibe seines Glases wahr und könnte auf dieser Grundlage ein in sich schlüssiges Weltmodell entwickeln. Für eine Kunstausstellung ist das ein reizvoller, allerdings auch bequemer Ausgangspunkt. Dass jeder seine eigene Wirklichkeit habe, erklärt noch wenig über die Qualität eines Bildes oder einer Skulptur. Interessant wird die Idee dort, wo die Werke unsere Wahrnehmung tatsächlich in Bewegung versetzen. Gorths Geraffe gelingt das, weil Erkennbarkeit und Material eigentümlich auseinanderlaufen: Der vertraute Umriss bleibt bestehen, während die weiche, kleinteilige Oberfläche jede Vorstellung von glatter Tierhaut unterbricht. Der Blick muss seine erste Gewissheit revidieren.

Die räumliche Zusammenstellung führt diese Erfahrung weiter. Neben der plastischen Unruhe der Geraffe behaupten sich an der Wand geometrische Wiederholungen, unscharfe Lichtformen und rhythmisch gegliederte Farbfelder. Die Abstände lassen diesen Arbeiten Eigenständigkeit, ohne ihre Beziehungen zu kappen. Besonders aufschlussreich ist andernorts die Nachbarschaft einer großen, dunkelrot grundierten Arbeit mit einer rosafarbenen, kopfüber hängenden Körperfigur und einer winzigen Vogelmalerei. Davor stehen kleine helle Plastiken auf einem Sockel. Hier muss man zurücktreten, sich wieder nähern und den Blick senken; Größe allein entscheidet nicht über Aufmerksamkeit. Auch das kleine Vogelbild neben einer hohen Flügeltür nutzt die Architektur als Gegenüber. Für mich liegt darin die kuratorische Stärke der Schau: Sie gibt dem Sehen einen Rhythmus, statt die sechs Positionen lediglich unter einem gemeinsamen Begriff zu versammeln.

Die Alte Handelsschule ist für eine solche Begegnung ein bemerkenswerter Ort: ein ehemaliger Bildungsbau, heute mit Ateliers und Kunsträumen, in dem künstlerische Produktion und öffentliche Wahrnehmung räumlich zusammenkommen. Wer Leipzig international vor allem über seine berühmten Maler und Galerien kennt, findet hier einen weiteren Zugang zur Gegenwart der Stadt. Die Verbindung mit Positionen aus München öffnet diesen lokalen Zusammenhang zugleich nach außen. „Goldfischglastheorien“ liefert keine abschließende Antwort auf die Frage nach Wirklichkeit; überzeugender ist ohnehin, wie konkret die Schau Unterschiede erfahrbar macht. Wenn sie morgen, am 4. Oktober, schließt, bleibt als Maßstab die Aufmerksamkeit, die eine sorgfältige Zusammenstellung auch dem kleinen, zunächst unscheinbaren Werk verschaffen kann.

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