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Mehr als eine Ikone
Das MALBA öffnet Frida Kahlos verborgenes Archiv
AKTUELL
9/21/20262 min lesen


Frida Kahlo, 16. Oktober 1932. Bereits in diesem von ihrem Vater aufgenommenen Porträt erscheinen Kleidung, Schmuck und Haltung als Elemente einer bewusst gestalteten öffentlichen Identität. Foto: Guillermo Kahlo. Public Domain, via Wikimedia Commons.
DOKUNST Redaktion
Mit Viva Frida zeigt das Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires erstmals in Südamerika mehr als 300 persönliche Gegenstände und Dokumente aus dem Besitz Frida Kahlos. Kleider, Schmuck, bemalte orthopädische Korsetts, Kosmetika, Fotografien, Briefe und Archivmaterialien bilden das Zentrum der von Circe Henestrosa unter Mitarbeit von Gannit Ankori kuratierten Ausstellung, die nach Stationen unter anderem am Victoria and Albert Museum in London und am Museum of Fine Arts in Houston bis März 2027 im MALBA zu sehen ist. Ein großer Teil dieser Objekte wurde erst 2004 in einem jahrzehntelang verschlossenen Raum der Casa Azul wiederentdeckt. Die außergewöhnlich langen Besucherschlangen am Eröffnungswochenende bestätigen zwar die ungebrochene Popularität Kahlos; bemerkenswerter ist jedoch, dass die Ausstellung nicht allein ihre Malerei, sondern die materielle Konstruktion jener öffentlichen Figur untersucht, die längst über das Werk hinausgewachsen ist.
Wie bewusst diese Figur gestaltet wurde, lässt bereits das 1932 von ihrem Vater Guillermo Kahlo aufgenommene Porträt erkennen: Schmuck, Frisur, Kleidung, Haltung und direkter Blick erscheinen nicht als beiläufige Attribute, sondern als Bestandteile einer präzise kontrollierten Erscheinung. Viva Frida führt diesen Gedanken anhand der erhaltenen Kleidungsstücke weiter. Die von Kahlo bevorzugte Tehuana-Tracht verwies auf indigene mexikanische Traditionen und eine matriarchal geprägte Kultur, artikulierte aber ebenso politische Zugehörigkeit, Geschlecht und soziale Position. Zugleich halfen die langen Röcke und weiten Blusen, körperliche Verletzungen sowie medizinische Hilfsmittel zu verbergen. Kleidung war für Kahlo deshalb weder bloßer Schmuck noch spätere Markenästhetik: Sie wurde zu einer Sprache, mit der die Künstlerin ihren von Krankheit und Schmerz gezeichneten Körper nicht verleugnete, sondern neu in Erscheinung treten ließ.
Die Eröffnung fällt mit dem 25-jährigen Bestehen des MALBA und einer weitreichenden institutionellen Neuordnung zusammen. Museumsgründer Eduardo Costantini überführt 17 Hauptwerke seiner Privatsammlung sowie die mehr als 1.200 Arbeiten umfassende Daros Latinamerica Collection in den Bestand des Hauses; dadurch wächst die Sammlung des MALBA auf annähernd 3.000 Werke. Zu den Schenkungen gehört Kahlos Diego y yo von 1949, das Costantini 2021 bei Sotheby’s für 34,9 Millionen Dollar erworben hatte und das nun gemeinsam mit Autorretrato con chango y loro von 1942 und der Lithografie Sin título (El aborto) von 1932 in der Ausstellung erscheint. Ein ehemaliges Rekordlos des Kunstmarktes wird damit Teil eines öffentlichen Museumsbestands – zu einem Zeitpunkt, an dem das MALBA seine Fläche nach Plänen von Frida Escobedo bis 2030 nahezu verdoppeln will.
Gerade die Konzentration auf Kahlos persönliche Hinterlassenschaften macht Viva Frida jedoch zu mehr als einer publikumswirksamen Jubiläumsausstellung. Sie zeigt, dass Kahlo den eigenen Körper, die Fotografie und die Kleidung früh als zusammenhängende Formen künstlerischer Selbstbestimmung begriff. Gleichzeitig bleibt eine Spannung bestehen: Je näher das Museum den Besucherinnen und Besuchern die private Frida über Korsetts, Kosmetika und Briefe zu bringen versucht, desto größer wird die Gefahr, aus diesen Dingen Reliquien einer globalen Ikone zu machen. Ob Viva Frida den Blick tatsächlich zurück auf die Künstlerin lenkt oder den Kult um ihre Person weiter verstärkt, entscheidet sich deshalb nicht an der Länge der Warteschlange, sondern daran, was von Kahlo sichtbar bleibt, nachdem die längst vertraute Ikone für einen Moment in den Hintergrund tritt.
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