DAS KUNSTBLATT FÜR GEGENWART, KUNSTGESCHICHTE UND DENKEN
Nach der Blase
Wer heute den Wert der Kunst bestimmt
STRUKTUR + MARKTWERT
Hans Struberger
9/20/20268 min lesen


Der Preis als öffentliches Ereignis: Christie’s Auktionsraum in London, 1808. Thomas Rowlandson und Augustus Charles Pugin, aus The Microcosm of London. Kolorierte Aquatinta. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Im Jahr 2008, kurz bevor die Finanzkrise auch dem Kunstmarkt die Luft entzog, begleitete der britische Kritiker Ben Lewis in seinem später viel diskutierten Film The Great Contemporary Art Bubble einen Betrieb, der sich an die Unwahrscheinlichkeit seiner eigenen Preise gewöhnt hatte. Auktionsrekorde folgten einander in immer kürzeren Abständen, junge Künstler wurden innerhalb weniger Saisons zu globalen Marken, und nahezu jede neue Höchstsumme schien die vorherige im Nachhinein zu rechtfertigen. Der Film handelte von Geld, vor allem aber von einem Glaubenssystem: Solange genügend Beteiligte an die Fortsetzung der Bewegung glaubten, konnte der Preis selbst als Beweis für Qualität erscheinen.
Fast zwei Jahrzehnte später ist es verführerisch, dieselbe Geschichte mit anderen Namen noch einmal zu erzählen. Wieder gibt es spektakuläre Zuschläge, wieder zirkulieren Summen, die außerhalb dieses Milieus kaum vernünftig zu erklären sind. Doch wer den heutigen Markt lediglich nach seinen Rekorden beurteilt, verwechselt seine Oberfläche mit seiner Verfassung. Gespräche, die ich in den vergangenen Monaten mit Ökonomen, Galeristen und Vertretern von Auktionshäusern geführt habe, ergaben kein einheitliches Krisenbild. Sie zeigten vielmehr einen Markt, der gleichzeitig liquide und vorsichtig, global und extrem konzentriert, professioneller und dennoch von erstaunlich persönlichen Abhängigkeiten geprägt ist. Das Geld ist nicht verschwunden. Verändert hat sich die Bereitschaft, Unsicherheit zu finanzieren.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob die Blase geplatzt ist. Sie lautet: Was blieb übrig, nachdem die Vorstellung endlosen Wachstums ihre Überzeugungskraft verloren hatte? Und wer besitzt heute die Macht, aus einem Preis einen Wert zu machen, der den nächsten Konjunkturzyklus übersteht?
Die falsche Eindeutigkeit der Zahl
Zahlen verleihen dem Kunstmarkt den Anschein von Transparenz. Ein Werk wird für 50.000, fünf Millionen oder 50 Millionen Dollar verkauft; der Betrag ist präzise, öffentlich und scheinbar unanfechtbar. Doch kein Zuschlag erklärt, wie er zustande kam. Er sagt nicht, ob eine Garantie das Risiko des Verkäufers vorab beseitigte, ob ein Dritter am Mehrerlös beteiligt war, ob zwei entschlossene Bieter einen Ausnahmepreis erzeugten oder ob das Ergebnis tatsächlich eine breite Nachfrage abbildet. Noch weniger verrät er darüber, zu welchen Bedingungen Werke im privaten Handel platziert, zurückgenommen, getauscht, finanziert oder diskret rabattiert wurden. Der Preis ist ein Faktum. Seine Bedeutung bleibt eine Interpretation.
Gerade deshalb erzählen die jüngsten Marktdaten keine einfache Erholungsgeschichte. Nach zwei rückläufigen Jahren stieg der weltweite Umsatz 2025 zwar um vier Prozent auf geschätzte 59,6 Milliarden Dollar. Die Zahl der Transaktionen nahm jedoch nur um zwei Prozent zu, und der Aufschwung verteilte sich höchst ungleich. Bei öffentlichen Auktionen wuchs das Segment oberhalb von zehn Millionen Dollar um 30 Prozent; unterhalb von 50.000 Dollar sanken dagegen sowohl Wert als auch Stückzahl. Einige wenige herausragende Sammlungen und Meisterwerke konnten damit die Bilanz eines ganzen Jahres sichtbar verändern. Das ist Wachstum, aber kein Beweis für allgemeine Gesundheit.
Noch deutlicher wird die Verschiebung beim Blick auf die Epochen. Impressionismus und Postimpressionismus legten 2025 im Auktionshandel stark zu, ebenso Alte Meister. Die zusammengefasste Kategorie Nachkriegs- und Gegenwartskunst verlor hingegen zum vierten Mal in Folge an Wert und lag mit 4,5 Milliarden Dollar weit unter ihrem pandemiebedingten Höhepunkt von 2021. Der Markt hat die Gegenwart nicht aufgegeben. Er verlangt von ihr nur etwas, das während der expansiven Jahre weniger dringlich erschien: eine belastbare Begründung dafür, weshalb gerade dieses Werk, gerade dieser Künstler und gerade dieser Preis Bestand haben sollen.
Das erklärt die gegenwärtige Flucht in das vermeintlich Bewährte. Ein Werk von Klimt, Kahlo, Canaletto oder einem kanonisierten Künstler der Nachkriegszeit trägt eine bereits ausgearbeitete Geschichte mit sich. Forschung, Provenienz, Museumsausstellungen und Vergleichspreise reduzieren nicht das finanzielle Risiko allein; sie verringern auch das Risiko, sich kulturell erklären zu müssen. Bei einer jungen Position muss der Käufer an eine mögliche Zukunft glauben. Bei einem historischen Meister erwirbt er eine Vergangenheit, deren Bedeutung andere bereits abgesichert haben.
Hier liegt eine Schwäche vieler Marktberichte. Sie registrieren die Bewegung des Geldes, ohne ausreichend zu unterscheiden, ob Kapital neue Bedeutung ermöglicht oder nur dorthin zurückkehrt, wo Bedeutung längst akkumuliert wurde. Ein Rekord kann eine Entdeckung sichtbar machen. Er kann aber ebenso Ausdruck institutioneller Bequemlichkeit sein. Wenn Unsicherheit wächst, wird nicht automatisch bessere Kunst gekauft; häufig wird lediglich das gekauft, dessen Rang am wenigsten verteidigt werden muss.
Auch die viel beschworene Demokratisierung durch digitale Plattformen hat daran wenig geändert. 2025 fielen die reinen Online-Umsätze auf 9,2 Milliarden Dollar, den niedrigsten Stand seit 2019. Hochpreisige Geschäfte wanderten wieder stärker in persönliche Situationen zurück: in den Messestand, den Viewing Room, das diskrete Abendessen, das Gespräch mit einem Berater. Das Bild mag online überall sichtbar sein; Vertrauen bleibt ein knappes Gut, das bevorzugt unter Anwesenden verteilt wird. Der globale Markt ist technisch zugänglicher geworden, sozial jedoch keineswegs offen.
Wer Wert in Dauer verwandelt
Der entscheidende Unterschied zwischen Preis und Marktwert besteht in der Zeit. Ein Preis entsteht in einem Augenblick. Marktwert muss wiederholbar sein. Dafür braucht es eine Infrastruktur, die weit über Käufer und Verkäufer hinausgeht: Galerien, die Werkgruppen aufbauen und Verkäufe kontrollieren; Kuratoren, die Zusammenhänge herstellen; Museen, die Objekte aus dem Warenkreislauf in einen historischen Horizont überführen; Kritiker und Verlage, die Sprache bereitstellen; Sammler, die leihen, stiften oder im entscheidenden Moment nicht verkaufen; Nachlassverwaltungen, die Authentizität sichern und das Angebot regulieren; Messen, die all diese Akteure für wenige Tage an einem Ort verdichten.
Keine dieser Instanzen erzeugt Bedeutung allein. Ihre Wirksamkeit entsteht durch Wiederholung und gegenseitige Bestätigung. Eine Galerie kann einen Preis festsetzen, aber sie kann seine kulturelle Plausibilität nicht eigenmächtig verordnen. Ein Museum kann einem Künstler Sichtbarkeit verleihen, doch auch seine Entscheidungen entstehen nicht außerhalb privater Leihgaben, Förderkreise, Stiftungen und bestehender Netzwerke. Eine Auktion kann Nachfrage öffentlich machen, aber ebenso einen fragilen Markt überfordern. Was wir Wert nennen, ist das Resultat einer Kette von Übersetzungen: aus Atelierpraxis wird eine Ausstellung, aus einer Ausstellung ein kritischer Diskurs, aus Diskurs institutionelle Aufmerksamkeit, aus Aufmerksamkeit Nachfrage und aus Nachfrage, im günstigsten Fall, historische Dauer.
Die großen Galerien haben diese Logik längst verstanden. Sie sind nicht mehr bloß Handelsräume, sondern produzieren museal angelegte Ausstellungen, wissenschaftliche Publikationen, Archive, Filme, Gespräche und eigene redaktionelle Medien. Sie vertreten lebende Künstler und verwalten zugleich Nachlässe, deren Stabilität ökonomisches Rückgrat und kunsthistorische Autorität miteinander verbindet. Manche betreiben Kulturzentren, Residenzen, Restaurants oder weitläufige Destinationen außerhalb der klassischen Kunstmetropolen. Das mag wie Expansion in benachbarte Geschäftsfelder erscheinen. Tatsächlich handelt es sich um den Versuch, möglichst viele Stationen der Wertbildung unter einem organisatorischen Dach zusammenzuführen.
Doch Größe ist nicht mit Unverwundbarkeit gleichzusetzen. Wenn selbst international operierende Galerien Standorte verkleinern, Künstlerlisten überprüfen oder ihre Expansion korrigieren, zeigt sich, wie kapitalintensiv dieses Modell geworden ist. Repräsentation bedeutet heute globale Produktion, Transporte, Lagerung, Personal, Kommunikation, Publikationen und die Präsenz auf mehreren Messen. Nach Angaben des Art Basel and UBS Art Market Report stiegen die Betriebskosten der Händler 2025 im Durchschnitt um fünf Prozent und damit stärker als ihre Umsätze. Besonders Verpackung, Logistik und Messeteilnahmen verteuerten sich. 38 Prozent der befragten Händler meldeten sinkende Profitabilität, obwohl der Gesamtumsatz des Galeriesektors um zwei Prozent zunahm.
Die Differenz zwischen Umsatz und Tragfähigkeit ist entscheidend. Von außen sieht man den vollen Stand in Basel, Paris, London, Hongkong oder New York; unsichtbar bleiben die Vorfinanzierung, die Monate der Vorbereitung und die Verkäufe, die nötig sind, bevor ein Auftritt überhaupt Gewinn erzeugt. 2025 entfielen 35 Prozent des Händlerumsatzes auf Kunstmessen, der höchste Anteil seit 2022. Gerade diese Unverzichtbarkeit verschärft das Problem: Wer international sichtbar bleiben will, muss Kosten akzeptieren, die nicht jede Galerie dauerhaft tragen kann. Die Messe ist Marktplatz, Bühne und Selektionsapparat zugleich. Ihre Zulassung signalisiert Relevanz; ihre wiederholte Abwesenheit kann als Bedeutungsverlust gelesen werden, lange bevor sie etwas über die Qualität des Programms aussagt.
Damit wächst die Gefahr eines Systems, das Vielfalt ausstellt, ökonomisch aber Konzentration produziert. Kleine und mittlere Galerien übernehmen einen erheblichen Teil der riskanten Arbeit: Sie entdecken Künstler, finanzieren erste Produktionen, entwickeln Sammlerkreise und begleiten Karrieren, deren späterer Erfolg keineswegs sicher ist. Sobald eine Position institutionell und kommerziell attraktiv wird, können größere Häuser Reichweite, Personal und Zugang zu globalen Sammlern anbieten. Kooperationen zwischen Galerien können diesen Übergang fair gestalten. Sie können aber auch kaschieren, dass die Kosten der Entdeckung und die Gewinne der Konsolidierung an unterschiedlichen Stellen anfallen.
Dass 2025 die stärksten prozentualen Zuwächse bei Händlern mit weniger als 500.000 Dollar Jahresumsatz lagen und insgesamt mehr Neueröffnungen als Schließungen registriert wurden, widerspricht dem Bild eines sterbenden Galeriesystems. Es entkräftet jedoch nicht dessen strukturelle Schieflage. Im selben Jahr sank die durchschnittliche Zahl der Käufer pro Galerie auf den niedrigsten Stand seit 2021. Bei den kleinsten Häusern fiel sie besonders stark. Man kann also wachsen und zugleich abhängiger werden: von wenigen Verkäufen, wenigen Künstlern und wenigen Kunden. Eine solche Konzentration macht Beziehungen wichtiger, aber auch Machtgefälle härter.
Auktionshäuser reagieren auf dieselbe Unsicherheit mit anderen Instrumenten. Garantien nehmen Einlieferern das Risiko ab, Finanzierungen erleichtern den Erwerb, private Verkäufe umgehen die öffentliche Prüfung eines Auktionssaals. All das kann Liquidität schaffen und sinnvolle Transaktionen ermöglichen. Es verändert jedoch den Charakter dessen, was später als Marktinformation zirkuliert. Je stärker Risiken vor dem sichtbaren Verkauf verteilt werden, desto weniger ist das öffentliche Ergebnis ein spontanes Urteil des Marktes. Der Zuschlag bleibt real, aber er ist zunehmend das Ende einer finanziellen Konstruktion, nicht deren Anfang.
Auch das Verhältnis zwischen Primär- und Sekundärmarkt verlangt deshalb mehr Aufmerksamkeit. Für einen jungen Künstler kann ein frühes, starkes Auktionsergebnis wie eine Bestätigung wirken. Steigt der öffentliche Preis jedoch schneller als die Galeriepreise und schneller als die künstlerische Entwicklung, verliert die Galerie die Kontrolle über Platzierung und Rhythmus. Spekulative Käufer werden belohnt, langjährige Sammler verdrängt, neue Arbeiten unter Erwartungsdruck produziert. Fällt die Nachfrage, bleibt der Künstler mit einem öffentlich dokumentierten Abstieg zurück. Ein Markt kann eine Karriere nicht nur unterbewerten; er kann sie durch verfrühte Überbewertung beschädigen.
Nach dem Rausch beginnt die Auswahl
In den Gesprächen über die gegenwärtige Lage fiel auffallend oft das Wort Qualität. Es ist ein verständliches Wort und zugleich ein gefährliches. In Phasen der Unsicherheit behauptet beinahe jeder Marktteilnehmer, nun setze sich Qualität durch. Doch Qualität ist im Kunstbetrieb kein neutraler Rohstoff, der lediglich erkannt werden müsste. Sie wird gesehen, beschrieben, ausgestellt, gesammelt und über lange Zeit bestätigt. Wer über die Mittel verfügt, diesen Prozess zu wiederholen, besitzt einen erheblichen Anteil an ihrer öffentlichen Definition.
Die aktuelle Korrektur ist deshalb nicht automatisch eine Reinigung. Sie beseitigt Übertreibungen, aber sie kann ebenso Konservatismus belohnen. Sie bremst kurzfristige Spekulation, erschwert jedoch zugleich jenen Galerien und Künstlern die Arbeit, deren Bedeutung noch keine institutionelle Absicherung besitzt. Wenn Sammler weniger Risiko eingehen, Museen unter Finanzdruck stehen und Galerien ihr Programm nach Tragfähigkeit prüfen müssen, verengt sich der Raum für Positionen, die Zeit benötigen. Das System wird vernünftiger in seinen Preisen und möglicherweise ärmer in seinen Möglichkeiten.
Gleichzeitig wäre es falsch, die großen Akteure lediglich als Gegner einer offenen Kunstwelt zu beschreiben. Internationale Galerien ermöglichen Produktionen, die anders nicht finanzierbar wären; Messen schaffen Begegnungen, die regionale Szenen mit globalen Netzwerken verbinden; Auktionshäuser liefern, bei aller Unvollständigkeit, öffentliche Daten; private Sammler tragen Museen, Forschung und Künstlernachlässe mit. Das Problem liegt nicht in der Existenz dieser Macht, sondern in ihrer mangelnden Sichtbarkeit. Wo wirtschaftliche Interessen, institutionelle Entscheidungen und kunsthistorische Urteile ineinandergreifen, muss Kritik die Verbindungen benennen können, ohne jede Verbindung vorschnell als Korruption zu behandeln.
Vielleicht ist dies der größte Unterschied zur alten Blase. Damals schien Geschwindigkeit selbst Wert zu erzeugen. Heute entsteht Wert zunehmend aus kontrollierter Zirkulation: aus der richtigen Platzierung, der richtigen Provenienz, dem richtigen institutionellen Kontext und der Fähigkeit, Angebot nicht nur zu schaffen, sondern zu begrenzen. Vertrauen hat die Euphorie als wichtigste Währung abgelöst. Doch Vertrauen ist nicht unschuldig. Es beruht auf Zugängen, Beziehungen und der Autorität bestimmter Namen, während andere erst beweisen müssen, dass sie überhaupt gehört werden sollten.
Ein Kunstmarkt, der nur auf den nächsten Rekord blickt, versteht sich selbst nicht. Ebenso wenig genügt eine Kritik, die jeden hohen Preis als moralisches Versagen behandelt. Kunst braucht keinen marktfreien Raum, um Kunst zu sein; sie braucht aber ein Bewusstsein dafür, wann Marktwert beginnt, ästhetisches Urteil zu ersetzen. Die entscheidende Aufgabe besteht darin, Preis, Bedeutung und Dauer wieder auseinanderzuhalten.
Die Blase war nie nur eine Ansammlung überhöhter Preise. Sie war der Glaube, dass der Preis alle übrigen Fragen beantworten könne. Dieser Glaube ist schwächer geworden. Das macht den heutigen Markt nicht gerechter, aber lesbarer. Und vielleicht beginnt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Wert genau dort: nicht bei der Summe, die aufgerufen wird, sondern bei der Struktur, die sie möglich macht.
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