DAS KUNSTBLATT FÜR GEGENWART, KUNSTGESCHICHTE UND DENKEN
Was bleibt, wenn man die Liebesgeschichte beiseitelässt?
Anna-Eva Bergman und Hans Hartung in der Kunsthalle Praha
DOSSIERS
Hans Struberger
10/13/20255 min lesen


Blick in die Ausstellung Anna-Eva Bergman & Hans Hartung: And We’ll Never Be Parted, Kunsthalle Praha, 2025. Ein Besucher vor Werken von Anna-Eva Bergman. Foto: DOKUNST.
Die Geschichte erzählt sich fast von selbst: Anna-Eva Bergman und Hans Hartung begegnen sich 1929 in Paris, heiraten, trennen sich, überstehen Krieg und Exil auf getrennten Wegen und finden fünfzehn Jahre später wieder zueinander. Eine Ausstellung kann aus diesem Stoff mühelos ein Drama machen, in dem die Bilder zu Zeugnissen einer Liebe werden. And We’ll Never Be Parted in der Kunsthalle Praha kennt die Anziehungskraft dieser Erzählung. Schon der Titel spricht von Unzertrennlichkeit; Briefe, Fotografien und Arbeiten, die sich beide schenkten, geben ihr eine greifbare Form. Dass die Ausstellung dennoch mehr sein will als die Geschichte eines Künstlerpaares, ist ihr eigentlicher Anspruch. Am letzten Tag der Schau stellt sich deshalb eine Frage, die der Titel nicht beantworten kann: Was erkennen wir an Bergmans und Hartungs Kunst, wenn wir ihre Beziehung für einen Moment beiseitelassen?
Bei Bergman beginnt die Antwort mit einer Erfahrung von Raum, die leicht als Stille beschrieben wird und damit schon zu ungenau wäre. Ihre reduzierten Formen tragen Erinnerungen an Horizonte, Steine, Berge oder Boote, ohne diese Dinge einfach darzustellen. Metallfolien und Farbe verändern die Oberfläche je nach Licht und Blickwinkel. Was zunächst wie eine feste, beinahe emblematische Form erscheint, entzieht sich der endgültigen Festlegung. In den Steinen von Kastilien von 1970 verbindet Bergman eine benennbare Landschaftserfahrung mit einem Verfahren, das sie von jedem einzelnen Ort löst. Die Form ist verdichtet, aber nicht zeitlos: In ihr arbeiten Reisen, Wahrnehmung und die materielle Entscheidung der Malerin weiter. Auch der Rhythmus ihrer Bilder entsteht nicht allein durch die Wiederholung von Linien. Er entsteht zwischen einer Fläche, die Licht aufnimmt, und einem Blick, der seine Position verändern muss.
Hartungs Arbeiten verlangen eine andere Art von Aufmerksamkeit. Seine Linien können wirken, als hätten sie sich in einem einzigen unaufhaltsamen Augenblick auf der Fläche niedergeschlagen. Lange nährte diese Wirkung seinen Ruf als Maler der unmittelbaren Geste. Doch gerade bei Hartung ist der sichtbare Schwung keine zuverlässige Auskunft über den Herstellungsprozess. Über Jahrzehnte übertrug er kleine Zeichnungen mittels Raster auf größere Formate; später erweiterte er sein Repertoire um Kratzen, Sprühen und eigens erprobte Werkzeuge. Zwischen dem ersten Zeichen und dem fertigen Bild können Entwurf, Vergrößerung, technische Erfindung und erneute Entscheidung liegen. Seine Malerei verliert dadurch nichts von ihrer Energie. Sie gewinnt eine Genauigkeit zurück, die das Wort „spontan“ verdeckt: Hartung gestaltet auch den Eindruck von Plötzlichkeit.
Erst von hier aus lohnt der Vergleich. Bergmans Licht ist keine sanfte Antwort auf Hartungs kraftvolle Linie, und sein Zeichen ist kein Gegenstück zu ihrer vermeintlichen Ruhe. Beide interessieren sich dafür, wie eine abstrakte Form mehr erfahrbar machen kann, als sie bezeichnet. Doch sie stellen diese Frage unter verschiedenen Bedingungen. Bergman lässt eine Form durch Oberfläche, Maß und wechselndes Licht in der Schwebe. Hartung untersucht, wie eine Bewegung zur Spur wird und wie diese Spur auch dann noch Bewegung behauptet, wenn sie geplant, übertragen oder technisch erzeugt wurde. Die Gemeinsamkeit liegt weniger im Aussehen ihrer Werke als in ihrem Misstrauen gegen die Vorstellung, Abstraktion müsse auf erkennbare Gegenstände verzichten und damit auch auf Erfahrung.
Die fünfzehn Jahre ihrer Trennung sind für dieses Verständnis entscheidend. Bergman entwickelte ihre Bildsprache nicht in einem Warteraum zwischen zwei Ehen. Ihre erneute Begegnung mit der Landschaft Nordnorwegens um 1950 wurde für die spätere Abstraktion prägend. Hartung wiederum musste seine Arbeit unter den Bedingungen von Verfolgung, Krieg und schwerer Verletzung fortsetzen und nach 1945 neu organisieren. Wenn sich beide 1952 wiedertreffen, stehen einander Künstler gegenüber, deren Werke gerade durch die getrennten Jahre geformt wurden. Diese Zeit als schmerzhafte Unterbrechung einer im Grunde ungeteilten gemeinsamen Laufbahn zu erzählen, würde den wichtigsten Befund der Ausstellung verfehlen: Nähe wird hier erst interessant, weil sie keine künstlerische Identität voraussetzt.
Theo Carnegy-Tan und Pierre Wat haben gemeinsam mit der Fondation Hartung-Bergman mehr als 300 Werke und Dokumente zusammengeführt. Diese Fülle ist eine Stärke, weil sie Entwicklung und Widerspruch überhaupt erst vergleichbar macht. Sie bringt aber auch eine kuratorische Versuchung mit sich. Ein Brief kann die Aufmerksamkeit vom Bild abziehen, eine Fotografie die Gleichzeitigkeit zweier Leben überzeugender erscheinen lassen als die Unterschiede zweier Leinwände. Besonders die gegenseitigen Geschenke laden dazu ein, in den Werken den Beweis einer innigen Beziehung zu suchen. Als Dokumente der Anerkennung sind sie aufschlussreich. Als Schlüssel zur Malerei wären sie zu bequem. Dass zwei Künstler einander sahen und schätzten, erklärt noch nicht, warum die eine Metallfolie verwendet oder der andere eine Zeichnung vergrößert.
Die von der Ausstellung formulierte Gleichheit des Paares verlangt ebenfalls Präzision. Der begleitende Text spricht von einem Prinzip der Gleichberechtigung zwischen Bergman und Hartung. Für ihre persönliche und künstlerische Beziehung mag das eine wichtige Beobachtung sein. Es darf jedoch nicht mit der Geschichte ihrer öffentlichen Anerkennung verwechselt werden. Hartung wurde bereits zu Lebzeiten zu einer prägenden Figur der europäischen Nachkriegsabstraktion; 1960 erhielt er den Großen Preis für Malerei der Biennale von Venedig. Bergmans Werk ist ausgestellt und erforscht worden, doch es erhielt lange nicht dieselbe institutionelle Aufmerksamkeit. Dass zwei Menschen einander als Künstler ernst nahmen, verpflichtete den Kunstbetrieb noch lange nicht, es ihnen gleichzutun. Eine Retrospektive kann diese Ungleichheit sichtbar machen. Sie kann sie nicht dadurch aufheben, dass sie beide Namen auf dieselbe Titelwand setzt.
Gerade deshalb ist die Entscheidung für eine gemeinsame Ausstellung zugleich produktiv und heikel. Sie verschafft Bergman den Maßstab, die Sichtbarkeit und die archivalische Aufmerksamkeit einer großen kunsthistorischen Präsentation. Sie setzt sie aber erneut in Beziehung zu dem Mann, dessen Bekanntheit ihre Rezeption oft überlagert hat. Die Frage lautet nicht, ob ihre Werke neben Hartungs bestehen können; das können sie ohne Weiteres. Zu fragen ist, ob das Publikum lernt, sie auch außerhalb dieser Gegenüberstellung zu sehen. Bergmans Malerei besitzt eigene geografische und gedankliche Bezugspunkte, von norwegischen Küsten bis zu spanischen Landschaften. Sie darf nicht erst dort Bedeutung erlangen, wo sich eine Ähnlichkeit mit Hartung nachweisen lässt.
And We’ll Never Be Parted ist am stärksten, wenn sie Gemeinsamkeit als etwas Schwieriges behandelt: als fortgesetzten Austausch zwischen Menschen, die ihre Arbeit nicht ineinander auflösen. Schwächer wird die Erzählung dort, wo jede Differenz am Ende doch noch zum Beleg einer tieferen Einheit zu werden droht. Das ist keine nebensächliche Frage des Ausstellungstitels. Es betrifft die Art, wie Kunstgeschichte Paare betrachtet — und wie schnell sie aus zwei selbstständigen Verfahren ein gemeinsames Schicksal macht. Die Prager Retrospektive hat die Mittel bereitgestellt, genauer zu urteilen: bedeutende Gemälde, frühe Versuche, Werkzeuge und ein außergewöhnlich reiches Archiv. Ihr Verdienst besteht darin, Bergman und Hartung zugleich sehen zu lassen. Die kritische Arbeit beginnt mit der Einsicht, dass man sie deshalb nicht als ein einziges Werk lesen muss.
Ausstellung: Anna-Eva Bergman & Hans Hartung: And We’ll Never Be Parted, Kunsthalle Praha, 5. Juni–13. Oktober 2025. Kuratiert von Theo Carnegy-Tan und Pierre Wat; koproduziert mit der Fondation Hartung-Bergman.






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