Was spürt man, wenn man nichts berührt?

Leiko Ikemuras „de sensu“ bei Contemporary Fine Arts in Berlin verspricht eine Kunst jenseits des Sehens. Doch gerade dort, wo die Ausstellung unsere Sinne erweitern will, stellt sich eine unbequeme Frage: Entsteht diese Erfahrung tatsächlich im Raum – oder zunächst in der Sprache, die sie uns erklärt?

DIALOG

Ute Jens

9/14/20266 min lesen

Leiko Ikemura, Hasentempel, Recklinghausen. Foto: Dat doris / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons).

Ich habe bei Ausstellungen, die von Wahrnehmung handeln, inzwischen ein gewisses Misstrauen entwickelt. Nicht gegenüber der Wahrnehmung selbst, sondern gegenüber den großen Versprechen, die an sie geknüpft werden. Wir sollen eintauchen, körperlich erfahren, Grenzen überschreiten, mit allen Sinnen begreifen. Der zeitgenössische Kunstbetrieb hat für diese Erweiterung des Sehens ein erstaunlich umfangreiches Vokabular hervorgebracht. Manchmal verändert eine Ausstellung tatsächlich die Art, wie wir einen Raum betreten. Manchmal verändert vor allem der Begleittext die Art, wie wir über ihn sprechen. Bei Leiko Ikemuras neuer Ausstellung de sensu bei Contemporary Fine Arts in Berlin liegt die interessante Wahrheit irgendwo dazwischen.

Der Titel gibt die Richtung vor. De sensu, durch die Sinne. Ikemura zeigt neue Gemälde und Skulpturen und verbindet sie mit einer Frage, die zunächst größer erscheint als die einzelnen Arbeiten: Wie lässt sich Welt erfahren, wenn das Sehen nicht länger als souveräner Sinn behandelt wird? Berührung wird angedeutet, Klänge und Gerüche sollen imaginierbar werden, der eigene Körper soll sich nicht mehr als Gegenüber der Kunst begreifen, sondern als Bestandteil eines räumlichen und sozialen Zusammenhangs.

Die Ausstellung ist entsprechend inszeniert. Green Baby, Green Mom und Dear Spirit strukturieren den Raum; grüne Wände sowie gelbe und dunkelblaue Lichtakzente erzeugen eine Atmosphäre zwischen Tag und Nacht. mamagirl erscheint innerhalb dieses Übergangs wie eine wachsame Präsenz. Man betritt keinen neutralen White Cube. Man betritt einen Zustand. Und dieser Zustand funktioniert. Allerdings anders, als das Konzept zunächst behauptet.

Der Körper, der keiner sein will

Ikemuras Figuren besitzen seit Jahrzehnten eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich einer eindeutigen Identität zu entziehen. Sie sind weiblich und tierisch, kindlich und erwachsen, verletzlich und widerständig, körperlich anwesend und zugleich seltsam entrückt. Man kann sie ansehen und dennoch nicht vollständig bestimmen, was man eigentlich ansieht. Gerade diese Unbestimmtheit ist eine der großen Stärken ihres Werkes. Sie verhindert, dass aus den Figuren Symbole mit eindeutiger Gebrauchsanweisung werden.

In de sensu wird dieses Prinzip weitergeführt. Die grünen Gestalten wirken weniger wie Figuren, die einen Raum besetzen, als wie Erscheinungen, die vorübergehend darin eine Form angenommen haben. Auch die neue Skulptur Milk Lady folgt dieser Logik. Fürsorge, Ernährung und Transformation werden hier nicht über eine naturalistische Darstellung von Mutterschaft erzählt. Der Körper wird vielmehr als Durchgang gedacht: Er nimmt Energie auf, verwandelt sie und gibt sie weiter. Leben erscheint nicht als abgeschlossene Individualität, sondern als Kreislauf.

Das ist bei Ikemura keineswegs neu. Und genau darin wird die Ausstellung für mich interessanter als ihr Anspruch auf eine erweiterte Sinneserfahrung.

Wer ältere Skulpturen wie Hasentempel betrachtet, erkennt, dass diese Durchlässigkeit des Körpers lange vor de sensu vorhanden war. In der Welt der Usagi-Figuren verliert die menschliche Gestalt ihre biologische Eindeutigkeit; weiblicher Körper und Hase gehen ineinander über. Ikemura entwickelte das Usagi-Motiv im Zusammenhang mit der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Verletzlichkeit, Leiden, Widerstandskraft und Erneuerung konnten in diesem Wesen gleichzeitig existieren. Der Hybrid war keine Fantasiefigur, die der Wirklichkeit entkommen wollte. Gerade seine Unmöglichkeit machte ihn geeignet, auf eine Wirklichkeit zu reagieren, für die eine gewöhnliche menschliche Figur möglicherweise zu eindeutig gewesen wäre.

Hasentempel ist nicht Teil der Berliner Ausstellung. Trotzdem hilft mir diese ältere Arbeit, de sensu zu verstehen. Denn sie zeigt, dass Ikemura hier nicht plötzlich den Körper entdeckt. Sie verfolgt vielmehr eine Frage weiter, die ihr Werk seit Langem durchzieht: Wo endet ein Wesen? An seiner Haut? An seiner Erinnerung? An seiner Beziehung zu anderen Körpern, zur Natur, zu einer Katastrophe, zu einem Raum? Das ist erheblich interessanter als Synästhesie als Ausstellungseffekt.

Was die Bilder tatsächlich leisten

Auch die Malerei entzieht sich bei Ikemura der Entscheidung zwischen Gegenständlichkeit und Auflösung. Figuren tauchen auf, ohne vollständig ausformuliert zu werden; Landschaften können zu psychischen Räumen werden, Horizonte zu Zuständen. In Arbeiten wie Green Baby oder Green Mom scheint die Farbe nicht lediglich auf einem Körper zu liegen. Sie bringt ihn überhaupt erst hervor und beginnt gleichzeitig, ihn wieder aufzulösen. Man sieht etwas entstehen, während man bereits dessen Verschwinden wahrnimmt.

Hier berührt Ikemura unterschiedliche kunsthistorische Traditionen, ohne dass sich ihre Bilder bequem einer davon zuschlagen ließen. Ostasiatische Landschaftsmalerei, historische japanische Bildwelten, Surrealismus, Nachkriegsabstraktion und die figurative Malerei der achtziger Jahre gehören zu den Bezugspunkten ihres Werkes. Entscheidend ist jedoch nicht, diese Einflüsse wie Zutaten aufzuzählen. Interessant wird ihre Malerei dort, wo die Kategorien selbst instabil werden. Figur kann Landschaft werden, Landschaft Körper, Körper Farbe.

Deshalb brauche ich eigentlich keine imaginären Gerüche, um diese Bilder körperlich zu erfahren.

Und hier beginnt mein Einwand gegen de sensu. Nicht gegen die Arbeiten, sondern gegen die Notwendigkeit, ihre Wirkung mit einer so weitreichenden sinnlichen Programmatik zu versehen. Die Ausstellung behauptet eine Erfahrung jenseits des rein Visuellen und spricht von suggerierter Berührung, imaginären Klängen und Gerüchen. Aber werden diese anderen Sinne tatsächlich aktiviert? Ich bin mir nicht sicher. Ich habe vor allem gesehen. Ich habe Farbe, Oberfläche, Licht, Körper und Raum wahrgenommen. Dass daraus körperliche Empfindungen entstehen können, ist unbestreitbar. Aber das ist etwas anderes, als wenn eine Ausstellung tatsächlich mehrere Sinne organisiert.

Diese Unterscheidung mag klein erscheinen. Für mich ist sie entscheidend. Denn wir unterschätzen die bildende Kunst, wenn wir glauben, das Sehen müsse erst durch andere Sinne legitimiert werden, um körperlich zu sein. Sehen ist bereits körperlich. Unsere Augen befinden sich nicht außerhalb unseres Körpers. Entfernung, Größe, Licht, Farbe und räumliche Orientierung verändern, wie wir stehen, wie lange wir bleiben, worauf wir zugehen und wovor wir zurückweichen. Ein starkes Bild muss nicht nach etwas riechen, damit wir es physisch erfahren.

Vielleicht ist de sensu deshalb gerade dort am überzeugendsten, wo die Ausstellung ihrem eigenen Konzept nicht vollständig folgt.

Die Gefahr der schönen Unbestimmtheit

Es gibt allerdings noch ein zweites Problem, das sich schwieriger beiseiteschieben lässt. Ikemuras hybride Wesen sind inzwischen unverkennbar Ikemura. Was einmal die Grenze zwischen Mensch, Tier, Geschlecht und Identität irritierte, besitzt heute selbst eine hohe Wiedererkennbarkeit. Das ist die paradoxe Situation eines etablierten künstlerischen Vokabulars: Je erfolgreicher eine Künstlerin eine eigene Welt erschafft, desto größer wird die Gefahr, dass selbst ihre Fremdheit vertraut wird.

Bei de sensu habe ich diesen Moment mehrfach gespürt. Die ätherischen Figuren, die Übergänge, die verletzlichen Körper, die Zwischenzustände von Werden und Vergehen – all das besitzt Schönheit und eine große atmosphärische Geschlossenheit. Aber Geschlossenheit kann auch Schutz bieten. Manchmal würde ich mir wünschen, dass etwas diese Welt stärker verletzt.

Das bedeutet nicht, Ikemura müsse plötzlich aggressiver, politischer oder formal radikaler arbeiten. Solche Forderungen wären ebenso vorhersehbar wie die Vorstellung, eine Künstlerin müsse ihr eigenes Vokabular ständig zerstören, um relevant zu bleiben. Aber eine Bildsprache, die vom Übergang lebt, muss sich gelegentlich auch selbst einem Übergang aussetzen. Sonst wird aus dem Unbestimmten irgendwann ein Stil.

Gerade Hasentempel macht diese Spannung sichtbar. Das hybride Wesen besitzt eine ikonografische Kraft, weil seine Form nicht vollständig aufgeht. Mensch und Tier lassen sich nicht wieder sauber voneinander trennen. In de sensu begegnet uns diese Offenheit erneut, nun eingebettet in eine umfassendere Erzählung von Wahrnehmung, Fürsorge, Transformation und zyklischer Erneuerung. Die Kontinuität ist beeindruckend. Sie ist aber auch der Punkt, an dem Kritik einsetzen muss. Wenn Transformation seit Jahrzehnten zum Kern einer künstlerischen Sprache gehört, muss jede neue Ausstellung zeigen, ob sich tatsächlich etwas transformiert – oder ob inzwischen vor allem die Transformation selbst zum wiedererkennbaren Motiv geworden ist.

Sehen reicht

Trotzdem verlasse ich de sensu nicht mit dem Eindruck einer Ausstellung, die an ihrem Anspruch scheitert. Eher mit dem Verdacht, dass ihre Arbeiten stärker sind als ein Teil der Sprache, die sie umgibt. Ikemura benötigt die Behauptung einer synästhetischen Erweiterung nicht, um Körper und Raum miteinander in Beziehung zu setzen. Ihre Figuren tun das bereits. Sie destabilisieren Grenzen, ohne sie theoretisch erklären zu müssen. Ihre Malerei lässt Formen erscheinen und wieder verschwinden. Ihre Skulpturen geben dem Körper eine Gestalt, die gleichzeitig menschlich und fremd sein kann.

Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zwischen Hasentempel und den neuen Arbeiten in Berlin. Nicht darin, dass sie dieselbe Geschichte erzählen, sondern darin, dass Ikemura den Körper konsequent als etwas Unabgeschlossenes denkt. Von Usagi bis Milk Lady, vom hybriden Wesen bis zu den grünen Erscheinungen von de sensu wird Identität nicht als Besitz behandelt, sondern als Übergang.

Das ist eine starke Vorstellung. Gerade heute, in einer Gegenwart, die Menschen mit bemerkenswerter Geschwindigkeit in Kategorien sortiert, besitzt sie eine politische Dimension, obwohl Ikemura sie nicht als politische Parole formuliert.

Ich würde de sensu deshalb nicht als Ausstellung über fünf Sinne beschreiben. Das wäre mir zu einfach. Es ist eine Ausstellung über die Unsicherheit unserer Grenzen: zwischen Körper und Umgebung, Mensch und Tier, Entstehen und Verschwinden, dem, was wir erkennen, und dem, was sich unserer Benennung entzieht.

Dafür braucht Ikemura weniger Sinne, als der Titel verspricht. Manchmal reicht es, genauer hinzusehen.

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