Was, wenn nichts Neues mehr nötig ist?

Über Giorgio Morandi, Wiederholung und die falsche Idee der Originalität

Hans Struberger

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Es gibt einen Satz, den man einem Künstler heute nur schwer ersparen kann: Was ist daran neu?

Man hört ihn in Ateliers, auf Messen, in Galerien, in Gesprächen über Förderungen und wahrscheinlich auch im Kopf des Künstlers selbst. Was ist neu an dieser Arbeit? Was wurde hier noch nicht gesehen? Welche Position wird hier behauptet?

Es ist eine merkwürdige Frage, wenn man darüber nachdenkt. Denn sie setzt voraus, dass der Wert eines Kunstwerks zumindest teilweise darin liegt, dass es etwas tut, was vorher niemand getan hat.

Giorgio Morandi hat sich dieser Logik ziemlich konsequent entzogen. Er malte Flaschen, Krüge, Schalen, Dosen, immer wieder und noch einmal. Aber dieselbe Flasche?

Wer Morandis Stillleben nebeneinander betrachtet, erkennt zunächst eine gewisse Sturheit. Die Gegenstände wechseln kaum. Auch die Bildordnung scheint sich manchmal nur geringfügig zu verändern. Zumindest war das mein Eindruck, als ich zwei Werke Morandis zum ersten Mal sah. Tatsächlich – und ich schäme mich nicht, es zuzugeben – erschienen sie mir auf den ersten Blick völlig überflüssig.

Das Metropolitan Museum beschreibt diese Arbeitsweise als wiederholtes Arrangieren von gesammelten Alltagsgegenständen, wobei Morandi Komposition, Volumen, Textur und Licht variierte.

Das Museum für Gegenwartskunst Siegen hat daraus sogar den zentralen Gedanken seiner jüngsten Morandi-Ausstellung gemacht: Wiederholung und Differenz. Ähnliche Anordnungen erzeugen gerade dadurch, dass sie fast gleich erscheinen, Aufmerksamkeit für die kleinsten Abweichungen.

Das klingt zunächst wie eine kunsthistorische Beobachtung. Ich glaube, es ist mehr als das. Denn irgendwann stellt sich beim Betrachten eine unangenehme Frage: Wann genau ist etwas eigentlich dasselbe?

Die Flasche im ersten Bild ist nicht die Flasche im zweiten Bild. Natürlich ist es derselbe Gegenstand. Aber das ist nicht dasselbe. Ein anderer Abstand zum Nachbargefäß. Ein anderer Schatten. Eine andere Helligkeit. Eine andere Stellung auf dem Tisch. Vielleicht ist der Gegenstand gleich geblieben. Das Bild ist es nicht.

Die merkwürdige Forderung nach Neuheit

Die Kunstgeschichte hat gute Gründe, dem Neuen Bedeutung beizumessen.

Die Avantgarden des 20. Jahrhunderts haben Dinge möglich gemacht, die zuvor kaum als Kunst vorstellbar waren: neue Materialien, neue Verfahren, neue Formen der Präsentation und neue Vorstellungen davon, was ein Kunstwerk überhaupt sein kann. Aber aus der historischen Bedeutung des Neuen ist irgendwann eine Gewohnheit geworden. Und aus der Gewohnheit eine Forderung. Der Künstler soll sich unterscheiden. Die Arbeit soll eine Position markieren. Das Portfolio soll eine Entwicklung zeigen. Die nächste Arbeit soll die vorherige übertreffen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb so viel zeitgenössische Kunst aussieht, als müsse sie ihre eigene Existenz ständig rechtfertigen. Sie muss erklären, warum sie jetzt und nicht schon gestern gemacht werden musste. Sie muss uns überzeugen, dass ihre Aktualität ausreicht, um sie zum Leben zu erwecken. Morandi hatte dieses Problem offenbar nicht. Er musste keine neue Flasche erfinden.

Ein Gedanke von Deleuze

Gilles Deleuze hat in Différence et répétition die gewöhnliche Beziehung zwischen Identität und Differenz umgedreht.

Wir denken normalerweise so: Zuerst gibt es etwas. Dann gibt es etwas anderes. Und zwischen beiden stellen wir eine Differenz fest.

Deleuze fragt, ob es nicht sinnvoller wäre, die Sache umzukehren: nicht Identität als Ausgangspunkt und Differenz als Abweichung zu betrachten, sondern Differenz als etwas Grundlegenderes zu denken, aus dem Identitäten überhaupt erst hervorgehen.

Man muss Deleuze nicht auf Morandi anwenden. Vielleicht sollte man es sogar vermeiden. Aber Morandis Bilder machen einen Gedanken sichtbar, den die Philosophie nur schwer beschreiben kann: Die Wiederholung eines Motivs muss nicht zur Wiederholung desselben Bildes führen. Im Gegenteil. Sie kann das Motiv allmählich auflösen.

Irgendwann verschwinden die Gegenstände

Das ist vielleicht der interessanteste Moment bei Morandi.

Man schaut auf eine Flasche. Dann irgendwann nicht mehr. Man sieht eine vertikale Form. Eine helle Fläche. Einen Rand. Ein Gewicht. Eine Farbe, die sich neben eine andere Farbe stellt. Der Gegenstand verliert seine Funktion. Er wird nicht mehr als Flasche gebraucht. Er wird malerisches Material.

Das Metropolitan Museum beschreibt genau diese Verschiebung bei Morandi: Seine alltäglichen Gegenstände überschreiten ihre gewöhnliche Funktion und erscheinen zunehmend als nahezu architektonische Formen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Morandi malt nicht immer wieder dieselbe Flasche, um die Flasche besser abzubilden. Vielleicht malt er sie immer wieder, damit sie irgendwann aufhört, nur eine Flasche zu sein.

Vielleicht ist Wiederholung eine Form von Zweifel

Das ist der Punkt, an dem ich Morandi interessanter finde als viele Künstler, die wesentlich radikaler aussehen. Denn die Wiederholung kann etwas Zweifelndes enthalten. Wer etwas nur einmal malt, kann behaupten: So ist es.

Wer dasselbe Motiv fünfzigmal malt, gibt diese Sicherheit auf. Vielleicht sagt das zweite Bild: So könnte es sein. Das dritte: Oder so. Das vierte: Nein, vielleicht anders. Und irgendwann wird aus der Wiederholung keine Bestätigung mehr, sondern Untersuchung.

Das gefällt mir an Morandi. Er scheint dem Gegenstand nicht zu vertrauen. Aber er vertraut auch seiner eigenen ersten Wahrnehmung nicht.

Das ist heute vielleicht radikaler als damals

Wir leben in einer Kultur, die Geschwindigkeit mit Relevanz verwechselt. Ein Bild muss schnell verstanden werden. Eine Position muss schnell benannt werden. Eine neue Arbeit muss schnell auf die vorherige folgen. Auch die digitale Aufmerksamkeit verlangt ständig nach Veränderung. Morandis Malerei macht das Gegenteil. Sie verlangt Zeit. Nicht viel Zeit, um Informationen aufzunehmen. Zeit, um eine Differenz zu bemerken, die zunächst gar nicht wichtig erscheint.

Das ist etwas anderes. Und vielleicht ist genau das ihre heutige Aktualität. Nicht ihre Ästhetik. Nicht ihre Ruhe. Nicht einmal ihre berühmte Beschränkung auf wenige Gegenstände. Sondern ihre Weigerung, das Neue zum Maßstab der Wahrnehmung zu machen.

Aber was wäre, wenn Originalität anders funktioniert? Vielleicht müssen wir deshalb die Frage verändern. Nicht: Was hat dieser Künstler geschaffen, das vorher noch niemand geschaffen hat? Sondern: Was sieht dieser Künstler in etwas, das wir längst zu kennen glauben?

Das ist eine viel gefährlichere Frage. Denn plötzlich kann ein altes Motiv wieder interessant werden. Eine Landschaft. Ein Körper. Ein Gefäß. Ein Gesicht. Ein Schatten. Eine Farbe. Nichts davon ist neu. Aber vielleicht ist Sehen niemals abgeschlossen.

Morandi hat die Kunstgeschichte nicht dadurch verändert, dass er immer neue Dinge erfand. Vielleicht hat er etwas Schwierigeres getan: Er hat uns gezeigt, dass ein Ding, das wir bereits kennen, noch nicht zu Ende gesehen sein muss. Und vielleicht liegt genau dort eine andere Vorstellung von Originalität. Nicht in der Erfindung eines unbekannten Gegenstandes, sondern in der Fähigkeit, dem Bekannten seine Selbstverständlichkeit zu nehmen.

Das ist kein kleiner Unterschied. Es verändert die Frage, die wir an Kunst stellen. Und vielleicht auch die Frage, die ein Künstler an sich selbst stellen sollte. Nicht: Was kann ich noch erfinden? Sondern: Was habe ich noch nicht gesehen?

Quellen / Weiterführende Literatur

  • Giorgio Morandi, Still Life, 1960, The Metropolitan Museum of Art.

  • Giorgio Morandi, Still Life with Bottles and Pitcher, 1915, The Metropolitan Museum of Art.

  • Giorgio Morandi — Resonances, Museum für Gegenwartskunst Siegen, 2025–2026.

  • Gilles Deleuze, Difference and Repetition (1968), zur Philosophie von Differenz und Wiederholung.



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