Wenn der Präsident entscheidet, was Kunst über ein Land sagen soll

Trump will José de Riveras „Infinity“ vor dem National Museum of American History durch einen neun Meter hohen George Washington ersetzen. Hinter der Forderung steht eine größere Frage: Muss öffentliche Kunst eine Nation erklären – und wer darf bestimmen, wie diese Erklärung auszusehen hat?

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9/15/20262 min lesen

José de Rivera, Infinity, vor dem heutigen National Museum of American History in Washington, 1974. Foto: Richard K. Hofmeister / Smithsonian Institution Archives. No Copyright – United States.

DOKUNST Redaktion

Donald Trump will eine der markantesten modernistischen Skulpturen auf der National Mall in Washington verschwinden lassen. José de Riveras Infinity, 1967 vor dem heutigen National Museum of American History installiert, soll nach dem Willen des US-Präsidenten einem rund neun Meter hohen „Washington Colossus“ weichen. Trump bezeichnete die abstrakte Edelstahlskulptur als „strange modernist sculpture“ und argumentierte, sie sage den Besuchern nichts über Amerika und ehre keinen seiner großen Helden. Zugleich fordert er eine fünfjährige Ausstellung über George Washington bis zu dessen 300. Geburtstag im Jahr 2032 sowie die kurzfristige Aufstellung einer weiteren, rund 3,4 Meter hohen Washington-Figur im Inneren des Museums. Ob und in welcher Form das Smithsonian diesen Forderungen folgen wird, ist bislang offen; die Institution besitzt eine eigenständige Verwaltungsstruktur, steht jedoch zugleich unter erheblichem politischen und finanziellen Druck.

Gerade Infinity macht die Forderung kunsthistorisch bemerkenswert. De Riveras geschwungenes Edelstahlband, das sich langsam auf einem schwarzen Granitsockel dreht und je nach Blickpunkt seine Gestalt verändert, wurde 1967 als erstes dauerhaft auf der National Mall installiertes abstraktes Kunstwerk eingeweiht. Seine Offenheit ist kein Mangel an Aussage, sondern Teil seines künstlerischen Prinzips: Das Werk schreibt dem Betrachter nicht vor, was er darin erkennen soll. Genau hier berühren sich Ästhetik und Politik. Ein monumentaler George Washington wäre keineswegs weniger legitim als öffentliche Kunst; figurative Denkmäler gehören ebenso zur Geschichte öffentlicher Räume wie die Abstraktion. Problematisch wird die Entscheidung an einem anderen Punkt: wenn eine bestehende künstlerische Sprache deshalb weichen soll, weil sie keine eindeutige nationale Botschaft formuliert.

Damit geht es um mehr als um die Frage, ob Washington oder Infinity besser auf die National Mall passt. Trump verfolgt seit längerem eine kulturpolitische Linie, die klassische Architektur, figurative Monumente und eine stärker heroisch ausgerichtete Darstellung amerikanischer Geschichte bevorzugt; zugleich hat seine Regierung Smithsonian-Ausstellungen wegen eines aus ihrer Sicht zu starken Fokus auf Unterdrückung und gesellschaftliche Konflikte kritisiert. Erst kürzlich wurde zudem Joel Shapiros abstrakte Skulptur Blue vom Kennedy Center entfernt. Man muss weder abstrakte Kunst grundsätzlich verteidigen noch monumentale Geschichtsdarstellung ablehnen, um darin einen entscheidenden Unterschied zu erkennen: Ein Museum darf darüber streiten, welche Geschichte es erzählt. Schwieriger wird es, wenn politische Macht beginnt, auch die ästhetische Form dieser Geschichte festzulegen.

Vielleicht liegt deshalb ausgerechnet in Infinity eine bemerkenswert demokratische Eigenschaft. Die Skulptur besitzt keine einzige, vorgeschriebene Vorderseite und liefert keine abschließende Erklärung dessen, was Amerika sein soll. Sie verändert sich mit dem Standort des Betrachters. Ein George Washington kann selbstverständlich Teil der nationalen Erinnerung sein – und ist es im selben Museum längst: Dort befindet sich bereits Horatio Greenoughs monumentaler Washington von 1840. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Washington einen Platz verdient. Sie lautet, ob eine demokratische Kultur stark genug ist, neben ihren Helden auch Bilder auszuhalten, die ihr nicht sagen, was sie denken soll.

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