Wenn eine Stadt ihr Gedächtnis abreißt

Über die Maschinenfabrik Swiderski, die Schönheit des Verfalls und die Frage, was Leipzig bewahren will

Rüdiger Steinhardt

Es gibt Orte in Leipzig, an denen ich langsamer werde. Nicht, weil dort etwas besonders Neues zu sehen wäre, sondern gerade weil dort etwas Altes noch steht. Die ehemalige Maschinenfabrik Philipp Swiderski an der Zschocherschen Straße gehört für mich zu diesen Orten. Wenn ich an ihrer Mauer entlanggehe und den Blick nach oben zu dem Turm richte, habe ich manchmal das eigentümliche Gefühl, dass hier zwei Zeiten gleichzeitig existieren: die Stadt, die sich längst weiterbewegt hat, und eine andere, die hinter diesen Mauern noch immer auf ihren nächsten Arbeitstag wartet. Rost, zerbrochene Fenster, Ziegel, eingestürzte Dächer und Pflanzen, die sich ihren Weg durch das Mauerwerk suchen, erzählen dabei nicht nur vom Verfall. Sie erzählen davon, wie lange ein Gebäude eine Stadt überleben kann.

Die Geschichte dieses Ortes beginnt lange vor dem heutigen Lost-Place-Mythos. Philipp Swiderski gründete sein Unternehmen 1867 zunächst im Leipziger Graphischen Viertel. Produziert wurden unter anderem Maschinen für die Lederverarbeitung, später Buchdruckmaschinen und Lithografiepressen. Als die alten Produktionsflächen nicht mehr ausreichten, entstand ab 1888 an der Zschocherschen Straße in Plagwitz eine neue Fabrikanlage. Das war eine Zeit, in der Leipzig sich mit einer Geschwindigkeit veränderte, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Fabriken, Eisenbahnanschlüsse, Arbeiterwohnungen, Kontore und neue Verkehrswege formten den Leipziger Westen. Die industrielle Entwicklung war nicht nur eine wirtschaftliche Veränderung; sie schuf eine neue Stadtgesellschaft. Unternehmer wie Swiderski gehörten zu jener aufstrebenden bürgerlichen Schicht, die ihren wirtschaftlichen Erfolg sichtbar machte und damit zugleich das Gesicht Leipzigs prägte. Die Fabrik war Ausdruck dieses Selbstbewusstseins.

Wer sich heute vor dem erhaltenen Turmbau befindet, sollte deshalb nicht nur eine schöne Ruine sehen. Ich finde es wichtig, sich vorzustellen, was hinter diesen Mauern einmal geschah. Die historischen Quellen beschreiben eine für ihre Zeit bemerkenswert moderne Produktionsanlage: große Montagehallen, Oberlicht, interne Gleise und sogar ein eigener Anschluss an die Staatsbahn. Maschinen wurden hier nicht einfach hergestellt; sie waren Teil jener technischen Entwicklung, die Leipzig zu einem bedeutenden Zentrum des Maschinenbaus und des grafischen Gewerbes machte. Später änderten sich Eigentümer und Firmennamen, die Produktion aber blieb dem Ort lange erhalten. Aus Swiderski wurde unter anderem die Georg Spiess Maschinenfabrik, später der VEB Bogenanlegerwerk und schließlich ein Betriebsteil des VEB Druckmaschinenwerks Leipzig. Erst mit dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung verstummte die industrielle Nutzung endgültig.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich dieser Ort so beschäftigt. Eine Ruine ist niemals nur ein Gebäude, das seine Funktion verloren hat. Sie ist ein Gebäude, dessen Funktion aufgehört hat, während seine Bedeutung geblieben ist. Bei Swiderski kann man diesen Unterschied besonders deutlich spüren. Das Gebäude produziert heute keine Maschinen mehr, beschäftigt keine Arbeiter und erzeugt keinen wirtschaftlichen Nutzen im klassischen Sinn. Und doch produziert es etwas anderes: Erinnerung, Bilder, Geschichten, Neugier. Es ist zu einem bekannten Leipziger Lost Place geworden, zu einem Ziel für Fotografen, Stadtforscher und Menschen, die sich von verlassenen Orten angezogen fühlen.

Ich gebe zu, dass ich diese Faszination für Lost Places gut verstehe. Als Architekt sehe ich in ihnen nicht nur den Verfall, sondern auch eine eigentümliche Freiheit. Ein verlassenes Gebäude ist nicht mehr vollständig durch seine ursprüngliche Funktion definiert. Es beginnt, auf andere Weise zu sprechen. Die Architektur wird wieder sichtbar, weil niemand mehr versucht, sie zu überformen. Das Licht fällt anders durch die Räume, Pflanzen übernehmen Flächen, alte Farbschichten treten hervor, und plötzlich entdeckt man Details, die während des normalen Betriebs wahrscheinlich niemand wahrgenommen hätte. Aber genau hier beginnt auch die Gefahr einer romantischen Betrachtung. Wir dürfen den Verfall nicht mit Erhaltung verwechseln. Ein Lost Place kann faszinierend sein; eine Stadt kann es sich jedoch nicht leisten, ihre Geschichte nur deshalb dem Zerfall zu überlassen, weil der Zerfall ästhetisch geworden ist.

Und dann gibt es an Swiderski noch eine andere, jüngere Schicht, die mich beschäftigt. Viele Künstler, darunter auch einige, die in der Leipziger und darüber hinaus in der deutschen Kunstszene längst bekannt sind, haben ihre Spuren in diese alten Mauern eingeschrieben. Malereien, Graffiti und großformatige Arbeiten erscheinen hier nicht einfach als Dekoration eines verlassenen Ortes. Sie sind zu weiteren Schichten seiner Geschichte geworden. Zwischen Ziegeln, Rost, abgeplatztem Putz und den Spuren der ehemaligen Produktion haben sich Bilder in die Architektur gesetzt, als hätten sie versucht, mit einer eigenen Sprache auf diesen Ort zu antworten. Ich finde dieses Nebeneinander besonders bemerkenswert: Die Fabrik, die einst Maschinen produzierte, ist heute selbst zu einer Art Träger von Kunst geworden. Ihre Mauern bewahren damit nicht nur die Spuren der industriellen Vergangenheit, sondern auch die Spuren einer jüngeren Leipziger Stadtkultur, die sich verlassene Räume immer wieder auf ihre eigene Weise aneignet.

Vielleicht ist das sogar eine der schönsten Eigenschaften solcher Orte: Sie hören irgendwann auf, nur Architektur zu sein, und werden zu kulturellen Körpern. Menschen schreiben sich in sie ein, lange nachdem ihre ursprüngliche Funktion verschwunden ist. Fotografen halten sie fest, Künstler reagieren auf sie, Anwohner entwickeln eine Beziehung zu ihnen, Historiker rekonstruieren ihre Vergangenheit. Und irgendwann stellt sich die Frage, wem ein solcher Ort eigentlich gehört. Juristisch ist die Antwort eindeutig. Kulturell ist sie komplizierter. Denn ein denkmalgeschütztes Gebäude gehört immer auch zu einer Geschichte, die größer ist als sein Eigentümer.

Genau deshalb halte ich die gegenwärtige Diskussion um einen möglichen Abriss für so wichtig. Anfang 2026 wurde erneut öffentlich bekannt, dass die Eigentümergesellschaft einen vollständigen Abbruch der Anlage in Betracht zieht, nachdem frühere Abrissüberlegungen bereits gestoppt worden waren. Gleichzeitig haben sich Leipziger Vereine und Initiativen deutlich für den Erhalt ausgesprochen und darauf hingewiesen, dass es unterschiedliche Nutzungsideen und sogar konkrete Konzepte für eine behutsame Weiterentwicklung des Bestandes gibt. Die Denkmalpflege führt das Ensemble weiterhin als Kulturdenkmal.

Ich bin kein Gegner von Veränderung. Eine Stadt, die leben will, muss sich verändern dürfen. Alte Gebäude müssen neue Nutzungen finden, wenn sie dauerhaft erhalten bleiben sollen. Auch eine Fabrik kann nicht allein deshalb bestehen bleiben, weil sie alt ist. Aber genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt: Swiderski braucht keine sentimentale Verehrung, sondern eine Zukunft. Die Frage darf deshalb nicht lauten, ob man aus einer Ruine wieder eine Fabrik machen kann. Die Frage muss lauten, was Leipzig mit diesem außergewöhnlichen Stück Stadt anfangen kann, ohne seine Identität dabei zu zerstören. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass historische Industriearchitektur neue Formen von Arbeiten, Wohnen, Kultur und Produktion aufnehmen kann. Der Wert eines solchen Ortes liegt gerade darin, dass er diese Möglichkeiten offenhält.

Wenn ich vor dem Turm der Swiderski-Fabrik stehe, sehe ich deshalb nicht nur ein vergangenes Leipzig. Ich sehe auch eine Entscheidung, die das heutige Leipzig treffen muss. Wollen wir eine Stadt sein, die ihre Geschichte dort bewahrt, wo sie schwierig, unfertig und nicht sofort ökonomisch verwertbar ist? Oder wollen wir eine Stadt, deren Vergangenheit vor allem dort erhalten bleibt, wo sie bereits erfolgreich saniert, vermarktet und in ein neues Nutzungskonzept übersetzt werden konnte?

Für mich ist die Antwort klar. Die Maschinenfabrik Swiderski darf nicht abgerissen werden. Nicht, weil jede Ruine automatisch ein Denkmal wäre, sondern weil dieser konkrete Ort etwas besitzt, das sich nach einem Abriss nicht wieder herstellen lässt: die Verbindung von Architektur, Industriegeschichte, Stadtentwicklung, Erinnerung und Gegenwart. Swiderski ist ein Teil des Profils von Plagwitz, aber damit ist sein Wert noch längst nicht beschrieben. Es gehört zum Gedächtnis Leipzigs und zu jener industriellen Geschichte, die Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert geprägt hat. Wer diese Fabrik abreißt, beseitigt nicht einfach alte Mauern. Er entfernt eine Seite aus einem Buch, das wir erst heute wieder lesen lernen.

Und vielleicht sollten wir gerade bei solchen Gebäuden etwas weniger nach dem fragen, was sie heute wert sind, und etwas häufiger danach, was sie uns noch wert sein sollten.

© 2024 All rights reserved.

Contact:

info@dokunstmag.de

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Esteban Velazquez v. Wilhelm

Badergraben 16 04808 Wurzen

Kontakt:

Verantwortlich für den Inhalt nach § 18 Abs.2 MstV:

+49 15776999372

Esteban Velazquez v. Wilhelm

info@dokunstmag.de

www.dokunstmag.de

Badergraben 16 04808 Wurzen