DAS KUNSTBLATT FÜR GEGENWART, KUNSTGESCHICHTE UND DENKEN
Wer bestimmt, wie sich ein Körper bewegen darf?
PERFORM! 2026 in der Neuen Nationalgalerie Berlin
DIALOG
Ute Jens
9/7/20266 min lesen


Trisha Brown Dance Company, Another Story as in Falling, 1994. Fotografie: Anna Birgit, Théâtre de la Ville, Paris; Bibliothèque nationale de France, département des Arts du spectacle. Public Domain. Die Aufnahme zeigt nicht Walking on the Wall, sondern verweist auf die körperliche Kontinuität von Trisha Browns choreografischer Praxis: Performance wird nicht allein durch Fotografien und Archive überliefert, sondern durch Körper, die eine künstlerische Sprache erneut aufnehmen und in der Gegenwart weiterführen.
Auf einer Fotografie von 1971 stimmt etwas nicht. Eine Frau bewegt sich an einer Wand entlang, als wäre diese Wand ein Boden. Ihr Körper folgt der Logik des Gehens, doch der Raum verweigert ihm eigentlich genau diese Bewegung. Was auf den ersten Blick wie eine optische Täuschung erscheinen könnte, ist eine reale Situation: Trisha Brown hat mit Walking on the Wall eine der einfachsten Bewegungen des menschlichen Körpers aus ihrem gewohnten Zusammenhang gelöst und damit eine Frage gestellt, die weit über den Tanz hinausreicht. Wo darf sich ein Körper bewegen – und wer bestimmt eigentlich die Regeln, nach denen ein Raum benutzt werden soll?
Fünfundfünfzig Jahre später kehrt diese Arbeit nach Berlin zurück. Vom 9. bis 13. September 2026 ist Walking on the Wall Teil von PERFORM!, dem Performance-Art-Festival der Neuen Nationalgalerie.
Für die erneute Aufführung arbeitet die Neue Nationalgalerie mit der Trisha Brown Dance Company zusammen. Dass diese Performance gerade hier wieder aufgenommen wird, ist mehr als eine spektakuläre Entscheidung für einen ungewöhnlichen Aufführungsort. Denn Mies van der Rohes Gebäude ist selbst ein historisches Modell dafür, wie die Moderne Raum verstanden hat: als klare Konstruktion, als Ordnung aus Stahl und Glas, als scheinbar offene Struktur, in der Innen und Außen, Konstruktion und Oberfläche in ein präzises Verhältnis gebracht werden.
Brown bringt in diese Ordnung etwas ein, das sich nicht so leicht ordnen lässt: einen Körper.
Das Verhältnis zwischen Körper und Architektur gehört zu den ältesten Themen der Kunst. In der klassischen Architektur wurde der menschliche Körper zum Maßstab des gebauten Raumes; Proportionen, Symmetrie und Harmonie sollten eine Entsprechung zwischen Mensch und Gebäude herstellen. Die Moderne veränderte dieses Verhältnis radikal. Architektur sollte nicht länger lediglich eine menschliche Ordnung abbilden, sondern neue Formen des Lebens ermöglichen. Bei Mies wird diese Idee besonders deutlich. Der Raum scheint sich zu öffnen, die Konstruktion wird sichtbar, Grenzen werden auf ein Minimum reduziert.
Und doch bleibt der Körper in diesem scheinbar freien Raum nicht völlig frei. Er folgt Regeln, die so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Wir gehen auf dem Boden. Wir steigen Treppen hinauf. Wir öffnen Türen. Wir bleiben hinter Absperrungen stehen. Wir wissen, welche Flächen betreten werden dürfen und welche nicht.
Architektur ist nicht nur das, was einen Raum sichtbar macht. Sie ist auch eine Ordnung des Verhaltens.
Genau diese Ordnung wird in Walking on the Wall für einen Augenblick außer Kraft gesetzt.
Die Bedeutung der Arbeit liegt deshalb nicht allein darin, dass Tänzerinnen und Tänzer an einer Wand entlanggehen. Interessanter ist, dass Brown eine Handlung verwendet, die jeder Mensch kennt. Gehen ist keine spektakuläre Bewegung. Es gehört zu den alltäglichsten körperlichen Erfahrungen überhaupt. Erst dadurch, dass es an einen anderen Ort verlegt wird, wird sichtbar, wie stark unsere Wahrnehmung von räumlichen Gewohnheiten bestimmt ist. Die Wand wird nicht verändert. Was sich verändert, ist unsere Vorstellung davon, was eine Wand sein kann.
Damit steht Brown in einer Tradition der Performance, die den Körper nicht als Instrument zur Darstellung einer Geschichte begreift, sondern als Material, mit dem Wahrnehmung und soziale Ordnung untersucht werden können. Die Künstlerinnen und Künstler, die seit den 1960er-Jahren mit Bewegung, Wiederholung, Dauer und alltäglichen Handlungen arbeiteten, verschoben die Grenzen zwischen Tanz, bildender Kunst und Performance. Die Bühne verlor ihre Selbstverständlichkeit, ebenso die Vorstellung, dass eine künstlerische Bewegung unbedingt schön, virtuos oder erzählerisch sein müsse.
Brown gehörte zu den Künstlerinnen, die diese Entwicklung entscheidend geprägt haben. Ihre Arbeiten machten aus Bewegung eine Untersuchung von Raum, Gewicht und Aufmerksamkeit. Der Körper sollte nicht mehr nur etwas vorführen. Er sollte zeigen, was ein Körper überhaupt kann, wenn man die Bedingungen verändert, unter denen er sich bewegt.
Dass Walking on the Wall nun in der Neuen Nationalgalerie wieder aufgenommen wird, fügt dieser historischen Arbeit eine neue Ebene hinzu. Denn die Architektur, die Brown heute vorfindet, ist nicht mehr die Architektur einer Gegenwart, die noch an die radikale Zukunft der Moderne glaubt. Mies’ Gebäude ist selbst zum Denkmal geworden. Was einmal Ausdruck einer neuen architektonischen Gegenwart war, wird heute als kulturelles Erbe betrachtet und institutionell bewahrt.
Brown kehrt also nicht einfach an einen Ort zurück.
Ihre Performance trifft auf ein Gebäude, das inzwischen selbst Geschichte geworden ist.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Spannung dieser Aufführung. Die Neue Nationalgalerie wird für einige Tage nicht nur zum Ort, an dem Kunst betrachtet wird. Ihre Fassade wird zur Oberfläche einer Bewegung, die das Verhältnis zwischen Kunstwerk, Architektur und Publikum neu organisiert. Die Besucherinnen und Besucher betrachten nicht mehr nur ein Objekt innerhalb des Museums. Sie beobachten einen Körper, der sich gegen die übliche Lesart des Gebäudes behauptet.
Das ist auch deshalb interessant, weil unser heutiges Verhältnis zum Raum immer stärker durch unsichtbare Systeme bestimmt wird.
Wir bewegen uns durch Flughäfen, Bahnhöfe, Einkaufszentren und öffentliche Gebäude, die unsere Wege mit Leitsystemen, Kameras, Zugangskontrollen und Sicherheitszonen strukturieren. Digitale Karten sagen uns, wohin wir gehen sollen. Smartphones bestimmen, welchen Weg wir nehmen. Sensoren registrieren Bewegungen, während Algorithmen aus ihnen Daten erzeugen. Vieles davon bemerken wir kaum noch, gerade weil diese Systeme so selbstverständlich geworden sind.
Vor diesem Hintergrund bekommt Browns einfache Geste eine neue Schärfe. Sie zeigt einen Körper, der nicht gegen eine politische Institution protestiert und keine konkrete gesellschaftliche Botschaft verkündet. Er tut etwas viel Grundsätzlicheres: Er benutzt einen Raum anders, als wir es erwarten.
Vielleicht ist das eine der stillsten Formen des Widerstands.
Nicht jede Grenzüberschreitung muss spektakulär sein. Manchmal genügt es, eine Regel sichtbar zu machen, indem man sie für einen Moment nicht befolgt.
Auch die zeitgenössischen Arbeiten des diesjährigen PERFORM!-Programms führen diese Frage weiter. Kianí Del Valle entwickelt mit INSTRUCCIONES PARA EXISTIR eine Arbeit speziell für die Neue Nationalgalerie und setzt dabei Tanz, körperliche Präzision und Elemente des Stunt-Trainings in Beziehung zur Architektur. Der Titel selbst klingt wie eine Anweisung: eine Anleitung zum Existieren. Damit verschiebt sich die Frage von Brown noch einmal. Wenn ein Körper sich in einem Raum bewegt, folgt er dann einer eigenen Entscheidung oder einer Reihe von Anweisungen, die ihm längst eingeschrieben sind?
Das ist eine Frage, die heute nicht nur für Künstlerinnen und Künstler interessant ist. Unser Körper wird vermessen, optimiert und permanent sichtbar gemacht. Schritte werden gezählt, Bewegungen aufgezeichnet, Gesichter erkannt. Wir sprechen über Körper in den sozialen Medien, über Körper in der Werbung, über Körper in politischen Debatten. Gleichzeitig entstehen immer mehr Räume, in denen Verhalten standardisiert wird. Die Freiheit des Körpers erscheint dadurch paradox: Wir können uns scheinbar überall bewegen, während immer mehr Systeme bestimmen, wie wir uns dabei verhalten sollen.
Eine Performance wie Walking on the Wall muss diese Gegenwart nicht illustrieren. Gerade ihre historische Distanz macht sie interessant. Sie erinnert uns daran, dass der Körper schon lange vor der digitalen Überwachung ein Ort war, an dem gesellschaftliche Regeln sichtbar wurden. Was sich verändert hat, sind die Systeme, die diese Regeln hervorbringen.
Vielleicht ist deshalb auch die Wiederaufführung selbst ein Teil der Frage.
Eine Performance aus dem Jahr 1971 kann nicht einfach konserviert werden wie ein Gemälde. Sie muss von neuen Körpern ausgeführt werden. Ihre Geschichte wird nicht nur durch Dokumente, Fotografien und Beschreibungen weitergegeben, sondern durch Bewegung. Jede Wiederaufnahme ist deshalb zugleich Erinnerung und Übersetzung. Die Arbeit bleibt dieselbe und verändert sich dennoch, weil ihr Körper ein anderer ist, ihr Publikum ein anderes und ihr architektonischer Kontext ein anderer.
Das macht Performance Art zu einer besonderen Form von Kunstgeschichte. Ihre Geschichte befindet sich nicht vollständig im Archiv. Ein Teil von ihr muss immer wieder körperlich hergestellt werden.
In Berlin trifft nun eine Performance aus der frühen Geschichte der Performance Art auf eines der wichtigsten Gebäude der europäischen Nachkriegsmoderne. Dazwischen liegen mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich unser Verhältnis zu Körper, Raum und Öffentlichkeit grundlegend verändert hat. Walking on the Wall wirkt deshalb heute nicht deshalb aktuell, weil Brown eine Frage gestellt hätte, die wir inzwischen beantwortet haben. Im Gegenteil: Die Arbeit erinnert daran, dass wir viele räumliche und gesellschaftliche Regeln gerade dann nicht mehr sehen, wenn wir uns vollständig an sie gewöhnt haben.
Wenn die Tänzerinnen und Tänzer im September an der Glasfassade der Neuen Nationalgalerie entlanggehen, wird die Architektur für einen Moment anders lesbar sein. Die Wand wird zur Fläche, der Boden verliert seine Selbstverständlichkeit und der Körper wird zum Maßstab einer Ordnung, die sonst unsichtbar bleibt.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieser Arbeit: Sie verändert nicht die Architektur. Sie verändert für einen Augenblick unsere Vorstellung davon, wie wir uns in ihr bewegen dürfen.
Und genau diese Vorstellung ist niemals nur eine Frage der Architektur.
Ausstellungsdaten
PERFORM! 2026
Neue Nationalgalerie Berlin
Zeitraum: 9. – 13. September 2026
Adresse: Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin
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