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Wer hat das Recht, ein Bild zu machen?
Deana Lawsons „Edge Control“ bei Gagosian New York
AKTUELL
9/15/20263 min lesen


Deana Lawson, Edge Control_edvc, 2023–. © Deana Lawson. Courtesy the artist and Gagosian.
DOKUNST Redaktion
Die Menschen in Deana Lawsons neuer Werkgruppe Edge Control haben sich nicht entschieden, fotografiert zu werden. Sie erscheinen in Aufnahmen aus Überwachungskameras amerikanischer Beauty-Supply-Stores – Bilder von Personen, die beobachtet und des Ladendiebstahls verdächtigt wurden und deren Aufnahmen mitunter an Schaufenstern oder Eingängen angebracht werden, um sie zu identifizieren und andere abzuschrecken. Seit 2023 arbeitet Lawson mit solchen Bildern und überführt sie in den Zusammenhang ihrer Serie Edge Control; sie verändert deren eigentümliche visuelle Sprache kaum und greift vor allem dort ein, wo die Identität der Abgebildeten geschützt werden muss. Nun hängen diese Bilder in ihrer ersten Einzelausstellung bei Gagosian in New York, eingefasst in leuchtend schwarze Spiegelrahmen und begleitet von neuen Hologrammen sowie jenen großformatigen Porträts, für die Lawson bekannt geworden ist. Schon der Titel ist präzise gewählt: Edge Control bezeichnet ein häufig verwendetes Haargel, mit dem die feinen Haare entlang des Haaransatzes geformt und fixiert werden. Zugleich benennt er beinahe beiläufig das Prinzip, das diese Bilder durchzieht: die Vorstellung, Körper über ihre sichtbare Oberfläche erfassen, ordnen und kontrollieren zu können. Schönheit und Überwachung begegnen sich hier nicht zufällig. Beide beginnen mit dem Blick auf einen Körper und mit der Annahme, dass sich an seiner Oberfläche etwas lesen lässt.
Lawson beschäftigt sich seit Jahren mit einer Fotografie, in der Schwarze Körper nicht beiläufig erscheinen, sondern den Bildraum mit einer beinahe souveränen Präsenz besetzen. Ihre inszenierten Porträts greifen auf Familienfotografie, Studioaufnahme, Dokumentarfotografie und kunsthistorische Bildtraditionen zurück; die Kamera ist dort kein unsichtbares Instrument, sondern Teil einer ausgehandelten Begegnung. Edge Control dreht dieses Verhältnis um. Die Überwachungskamera kennt keine Begegnung. Sie beobachtet von oben, registriert Verhalten, wartet auf Abweichung und produziert ein Bild, dessen Funktion bereits feststeht, bevor die betrachtete Person überhaupt weiß, dass sie darin vorkommt. Gerade der Transfer in die Galerie schafft jedoch ein neues Problem. Was ursprünglich kontrollieren, verdächtigen oder abschrecken sollte, wird nun vergrößert, gerahmt, betrachtet und als Kunst präsentiert. Der Wechsel des Ortes hebt die Gewalt des ursprünglichen Blicks nicht automatisch auf. Er kann sie sichtbar machen – aber ebenso ästhetisieren. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten liegt die eigentliche Spannung der Arbeiten: Lawson befreit die Überwachungsbilder nicht von ihrer ursprünglichen Macht. Sie setzt sie einem zweiten Blickregime aus.
Die neuen Hologramme verschärfen diesen Widerspruch. Lawson bezieht sich dabei auf Philip K. Dicks Roman A Scanner Darkly und dessen sogenannte „scramble suits“, in denen die Identität eines Körpers visuell unbeständig wird. Wo die Überwachungskamera versucht, eine Person festzuhalten, zu identifizieren und in ein verwertbares Bild zu überführen, lässt das Hologramm Identität flimmern. Das eine Medium behauptet Eindeutigkeit, das andere unterläuft sie. Damit erweitert Lawson die Ausstellung über eine Kritik der Überwachung hinaus zu einer Untersuchung darüber, wie Bilder Identität überhaupt herstellen: durch Wiedererkennbarkeit, Oberfläche, Zuschreibung – und durch die institutionelle Autorität, die bestimmt, was ein Bild beweisen soll.
Und dann steht der Betrachter vor einem schwarzen Spiegel. Lawsons Rahmen reflektieren diejenigen, die sich den Bildern nähern, und verändern damit unmerklich die Rollenverteilung: Plötzlich befindet sich auch derjenige im Bild, der eben noch glaubte, ausschließlich andere zu betrachten. Das ist mehr als ein formaler Effekt. In einer Gegenwart, in der Kameras in Geschäften, auf Straßen, an Haustüren und in unseren eigenen Geräten zu einer nahezu selbstverständlichen Infrastruktur geworden sind, stellt Edge Control eine ältere Frage unter neuen Bedingungen: Wer besitzt das Recht, einen Menschen in ein Bild zu verwandeln – und wer verfügt anschließend über dieses Bild?
Dass Lawson diese Frage ausgerechnet bei Gagosian stellt, verschärft sie. Zwischen Überwachungskamera und Kunstmarkt durchläuft dasselbe Bild zwei Systeme, die ihm vollkommen unterschiedliche Werte zuschreiben. Im einen besitzt es den operativen Wert des Verdachts, im anderen erhält es kulturellen, autorialen und schließlich ökonomischen Wert. Dazwischen bleibt ein Mensch, dessen Körper in beiden Fällen zur Oberfläche einer Interpretation geworden ist. Die Galerie erlöst das Überwachungsbild nicht von seiner Herkunft; sie fügt ihm vielmehr eine weitere Schicht von Autorität und Wert hinzu. Vielleicht besteht die stärkste Zumutung von Edge Control deshalb darin, dass die Ausstellung keinen unschuldigen Blick mehr zulässt. Die Kamera schaut, der Ladenbesitzer schaut, Lawson schaut, die Galerie zeigt, der Kunstmarkt bewertet, wir betrachten – und im schwarzen Spiegel blickt dieser ganze Kreislauf plötzlich zurück.
DEANA LAWSON
Edge Control
10. September – 24. Oktober 2026
Gagosian
541 West 24th Street
New York, NY 10011
USA
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